Mit dem Amtsantritt von Fatima Hellberg als Generaldirektorin beginnt für das mumok eine Phase programmatischer Neuausrichtung, die auf bemerkenswerte Weise zugleich Rückbesinnung und Zukunftsentwurf ist. Die Kuratorin und Kulturmanagerin setzt dabei auf einen Dreiklang aus Sammlungsschwerpunkt, räumlicher Öffnung und der aktiven Ermöglichung neuer Kunst. Ihr Ziel: Ein Museum, das nicht nur zeigt, sondern antwortet – auf seine Zeit, sein Publikum und seine eigene Geschichte.
Hellberg formuliert diesen Ansatz mit einer Klarheit, die programmatisch wirkt: „Ein Museum lebt durch das, was es aufnimmt, und durch das, was es zurückgibt.“ Das mumok soll wieder stärker zu einem Resonanzraum werden, der Verbindungen sichtbar macht – zwischen Epochen, Ideen und Menschen.
Die Sammlung als Ausgangspunkt
Das Fundament der neuen Strategie bildet die Sammlung, die Hellberg als „Motor“ bezeichnet. Sie möchte die Bestände nicht nur zeigen, sondern aktivieren: durch längerfristige, wechselnde Präsentationen, durch neue Blickachsen und durch Synergien zwischen großen und kleinen Erzählungen. Die Sammlung wird so zum Archiv der Gegenwart – nicht nur ein Speicher, sondern ein Denkraum.
Dabei knüpft Hellberg bewusst an die Pionierzeit des Museums an. Werner Hofmanns Impuls, „das Monument neben das Dokument“ zu stellen, wird zum Leitmotiv einer kuratorischen Sprache, die Kunst nicht nur erklärt, sondern von ihr aus denkt. „Unsere Geschichte ist kein Erbe, das stillsteht“, betont Hellberg. „Sie ist ein Fundament, auf dem Neues wachsen kann.“

Fatima Hellberg © Niko Havranek / mumok
Das Museum als erweiterter Erfahrungsraum
Parallel zur inhaltlichen Neuausrichtung wird das Haus auch räumlich geöffnet. Die öffentlichen Zonen – vom Foyer bis zum Café – werden neu gestaltet, um das Museum als gastfreundlichen, durchlässigen Ort zu etablieren. Auf Ebene –3 entsteht ein zentraler Bereich für Vermittlung, Workshops und partizipative Formate. Ein „Aktions- und Reflexionsraum“, der Kunst erfahrbar macht, nicht nur sichtbar.
Ermöglichungsraum für neue Kunst
Ein drittes Standbein bildet die Unterstützung neuer Produktionen. Das mumok soll künftig verstärkt als Ort künstlerischer Entstehung wirken – durch Auftragswerke, langfristige Kooperationen und Studioformaten. Mit Lukas Flygare, zuvor am MMK Frankfurt, erhält Hellberg hierfür einen Chefkurator an ihrer Seite, der internationale Erfahrung mitbringt und die programmatische Tiefe stärken wird.

Kate Millett, Terminal Piece, 1972, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Foto: Chie Nishio / The Kate Millett Trust
„Terminal Piece“ – eine Eröffnung mit Signalwirkung
Die große Ausstellung „Terminal Piece“, eröffnet am 19. Juni 2026, ist der erste sichtbare Ausdruck dieser Neupositionierung – und ein starkes kulturpolitisches Statement.
Ausgangspunkt ist Kate Milletts gleichnamige Installation von 1972, ein feministisches Schlüsselwerk, das Strukturen von Macht, Wahrnehmung und Teilhabe thematisiert. Die Architektur des Werks – Käfig, Bühne, Schutzraum oder Kontrollapparat – verändert sich mit dem Blickwinkel der Betrachterinnen und Betrachter. Dass Hellberg gerade dieses Werk als ersten Ankauf ihrer Amtszeit wählte, ist alles andere als symbolisch: Milletts Themen, einst Teil einer globalen Emanzipationsbewegung, sind heute wieder brennend aktuell.
Zugleich wird mit „Terminal Piece“ die Struktur des gesamten Hauses choreografiert. Jede Ebene des mumok wird zu einem „Akt“ und schafft ein begehbares Narrativ zwischen Theater und Ausstellung.

Anna Viebrock, Seite aus dem Notizbuch zur Ausstellung Terminal Piece, 2025, Foto: Anna Viebrock
Die Eingangssektion gestaltet Bühnenbildnerin Anna Viebrock als komplexes Raumerlebnis, das Vorder- und Hinterbühne des Museums zugleich sichtbar macht. Werke von Lutz Bacher, Paul Thek, Rudolf Schwarzkogler und weiteren Positionen treten hier in neue Konstellationen – viele davon seit Jahren nicht mehr ausgestellt.
Parallel eröffnet die erste große museale Einzelausstellung der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili, deren Arbeiten Räume als Gefüge aus Erinnerung, Transformationsprozessen und verborgenen Geschichten begreifen. Die „Figur des Kindes“ wird in ihrer Schau zum Leitmotiv einer Ambivalenz von Autonomie und Abhängigkeit – ein konzeptioneller Widerhall der Millett’schen Fragestellungen.

Tolia Astakhishvili, my emptiness, 2025, Segmentierte Wände, freigelegte Rohre, Badewanne, Maße variabel of other spaces, 2025, Segmentierte Wände, Spiegel, Maße variabel, I have to tell you my dream before I wake up too much, 2018—2024, Acryl, Öl, Leinwand, Maka Sanadze, untitled, bearbeitete Magazinseiten, Courtesy the artist, Nicoletta Fiorucci Foundation and LC Queisser, Tbilisi, Köln, Foto: Tolia Astakhishvili Studio
Hellberg formuliert ihre Vision nicht als Bruch, sondern als Weiterdenken. Keine lauten Effekte, sondern „Präzision im Hinsehen und Zuhören“, wie sie betont. Mit dieser Haltung positioniert sie das mumok als ein Museum, das sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist – und diese nicht mit Überwältigungsästhetik beantwortet, sondern mit klugen, dialogischen Formaten.
„Terminal Piece“ markiert dabei weit mehr als eine große Ausstellung: Es ist der erste Knotenpunkt eines Museums, das wieder vernetzt, öffnet und einlädt – und das seine Zukunft auf ein starkes, bewegliches Fundament stellt.
ab 19. Juni 2026







