Wenn im November die Tage kürzer werden, entfaltet Wien eine besondere Klangfarbe – melancholisch, lebendig, nachdenklich und offen für Zwischentöne. In diese Atmosphäre fügt sich das KlezMORE Festival Vienna seit über zwei Jahrzehnten als kulturelles Ereignis von seltener Strahlkraft. Seit 2004 bringt es internationale Künstler:innen und lokale Initiativen zusammen, um jüdische Musiktraditionen in ihrer Vielfalt, Aktualität und Schönheit zu präsentieren. Heute zählt das Festival zu den bedeutendsten Plattformen jüdischer Musik und Kultur in Europa – ein Ort der Begegnung, des Erinnerns und der Erneuerung.

Mit seiner 22. Ausgabe geht das KlezMORE Festival neue Wege. Erstmals finden Konzerte und Veranstaltungen nicht nur in Wien, sondern auch an historischen Schauplätzen in St. Pölten und Kobersdorf statt – in den ehemaligen Synagogen dieser Städte, die während des Festivals zu Räumen klingender Erinnerung werden. Zwischen kulturellem Gedächtnis und zeitgenössischer Interpretation entfalten sich dort Töne, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden.
Das Motto der diesjährigen Ausgabe – „Heyb uf dayn kol“ („Erhebe deine Stimme“) – setzt ein starkes Zeichen. Die menschliche Stimme steht im Mittelpunkt: als intimstes Ausdrucksmittel, politisches Werkzeug, spirituelle Geste und Trägerin kollektiver Erinnerung. „Vielstimmigkeit“ wird hier nicht nur musikalisch verstanden, sondern als künstlerisches und gesellschaftliches Statement: für Dialog, Empathie und Widerständigkeit.

SHE’KOYOKH © Savannah-Photographic

SHE’KOYOKH © Savannah-Photographic

Das Programm spiegelt diese Haltung in beeindruckender Bandbreite. Der jiddische Liedermacher Daniel Kahn bringt kämpferische Poesie und jiddischen Folk mit Punk-Attitüde auf die Bühne des Porgy & Bess. In der Sargfabrik verwebt Ola Bilińska polnische Wiegenlieder mit elektronischen Klanglandschaften zu poetischen Traumräumen. Die gefeierte britische Formation She’Koyokh trifft gemeinsam mit der türkischen Sängerin Çiğdem Aslan auf eine musikalische Welt zwischen Klezmer, Balkan und anatolischer Tradition – eine leidenschaftliche Hommage an die verbindende Kraft der Musik.
Auch chorische und spirituelle Dimensionen kommen zur Geltung: Das Vokalforum Graz und der sephardische Sänger Aron Saltiel widmen sich vielstimmigen liturgischen Gesängen, deren uralte Melodien in modernen Arrangements neu aufleuchten. Und wenn im Theater Akzent der „Tsirk Dobranotch“ seine Zelte aufschlägt, trifft artistische Virtuosität auf musikalische Ekstase – ein Klezmer-Zirkus als Fest für Augen, Ohren und Herz.

Rachel Weston © Roman Manfredi

Rachel Weston © Roman Manfredi

Neben den Konzerten bietet das Festival erneut ein reiches Rahmenprogramm, das kulturelle Tiefe und interdisziplinären Austausch fördert: Das Synagogenkonzert „Kol Ishe – Jüdische Frauenstimmen“ mit Rachel Weston & Jake Shulman-Ment in der liberalen Gemeinde Or Chadasch, der heymishe Schabbes-Abend im Kulturzentrum Yung Yidish, eine kuratierte Führung durch die Ausstellung „Schwarze Juden, weiße Juden? Über Hautfarben und Vorurteile“ im Jüdischen Museum Wien sowie die Filmvorführung von „The Klezmer Project“ spannen einen weiten inhaltlichen Bogen von Identität über Erinnerung bis zu aktuellen Fragen kultureller Sichtbarkeit.
Zwei Klezmer-Workshops und eine öffentliche Session – unter anderem mit Daniel Kahn – laden Besucherinnen und Besucher ein, selbst Teil dieses vielstimmigen Klangraums zu werden. So bleibt das KlezMORE Festival, seinem Namen treu, stets mehr als ein Musikfestival: ein gesellschaftliches Resonanzfeld, das Grenzen überschreitet und Gemeinschaft hörbar macht.
7. bis 16. November 2025
https://klezmore-vienna.at

DANIEL KAHN © Andrea Steiner

DANIEL KAHN © Andrea Steiner