Mitten in der Ostschweiz setzt das open art museum ein klares Zeichen: Kunst kennt keine Hierarchien. Das Haus widmet sich Positionen aus Grenzbereichen – Art Brut, Outsider Art und Naiver Kunst – und rückt damit künstlerische Haltungen in den Fokus, die sich jenseits akademischer Traditionen und Marktmechanismen entwickelt haben. Hier geht es weniger um Stilfragen als um existenzielle Ausdrucksformen.
Das Museum versteht sich als offener Ort der Begegnung. Es hinterfragt Konventionen, fördert Diversität im Kunstbetrieb und schafft Raum für Austausch auf Augenhöhe. In der Auseinandersetzung mit Art Brut – jenem von Jean Dubuffet geprägten Begriff für „unverbildetes“ Schaffen –, mit dem erweiterten Verständnis von Outsider Art nach Roger Cardinal sowie mit der traditionsreichen Naiven Kunst im Umfeld von Künstlern wie Henri Rousseau wird deutlich: Diese Kategorien überlappen sich, widersprechen sich, entziehen sich klaren Definitionen. Genau darin liegt ihre Kraft. Das open art museum begreift diese Kunst als Ausdruck innerer Notwendigkeit – roh, direkt und von gesellschaftlicher Relevanz.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Stranger Than Paradise
Mit Stranger Than Paradise wird das Motiv des Paradieses zum vielstimmigen Resonanzraum. Ausgangspunkt ist eine monumentale Teppich-Collage aus der Olma-Sonderschau 2025, die nun im Museum neu kontextualisiert wird. Die Motive stammen aus der Sammlung des Hauses und begegnen den Besucherinnen und Besuchern im Original: Naturvisionen, ländliche Idyllen, Sehnsuchtslandschaften – aber auch irritierende Brüche. Arbeiten von Pietro Angelozzi, Anny Boxler, Aloïse Corbaz, Emil Graf, Hans Krüsi oder Konrad Zülle zeigen das Paradies als fragile Fiktion. Harmonie kippt ins Absurde, Idylle bekommt Risse. Das Paradies erscheint nicht als fixer Ort, sondern als Projektionsfläche – als innerer Zufluchtsraum ebenso wie als kulturelles Konstrukt.
Im Kabinett ergänzt die Textilforscherin Thessy Schoenholzer Nichols die Schau mit filigranen Miniaturgärten. Glitzernd und rotierend werfen sie Schatten an die Wände, lassen imaginäre Landschaften wachsen. Der Gedanke des Hortus conclusus, des geschützten Gartens, verbindet sich hier mit heutigen Vorstellungen eines Mindfulness Garden – Rückzugsort und Sehnsuchtsraum zugleich.
15. März bis 7. Juni 2026

Bildcollage-Teppich open art museum, (Ausschnitt), 2025, Collage rug open art museum (detail), 2025
Adelheid Duvanel
Eine umfassende Retrospektive widmet sich der Basler Schriftstellerin und Künstlerin Adelheid Duvanel (1936–1996). Während ihre literarischen Miniaturen längst zum Kanon der Schweizer Gegenwartsliteratur zählen, blieb ihr bildkünstlerisches Werk lange im Schatten. Die Ausstellung vereint Zeichnungen und Gemälde aus dem Sammlungsbestand des Museums sowie Arbeiten aus den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.
Duvanels Bildwelt ist von radikaler Verdichtung geprägt. Schon in frühen Arbeiten der 1950er-Jahre zeigt sie fragile Frauenfiguren, entwurzelte Kinder, deformierte Körper. Themen wie Einsamkeit, Angst, Krankheit und Tod durchziehen ihr Werk mit eindringlicher Konsequenz. Religiöse Symbole – Dornenkrone, Mandorla – verleihen den Szenen eine überzeitliche Dimension.
Nach einer Schaffenspause beginnt sie 1980 in der geschützten Umgebung der Klinik erneut zu zeichnen. Kugelschreiber- und Filzstiftarbeiten in leuchtenden Pink- und Violetttönen entstehen ebenso wie grossformatige Acrylgemälde. Die Figuren werden kantiger, expressiver, beinahe archaisch reduziert. Trotz scheinbar naiver Formensprache entwickeln die Arbeiten eine verstörende Intensität.
Duvanel war eine Grenzgängerin – im Leben wie in der Kunst. Ihre Bilder sind keine Illustrationen ihrer Biografie, sondern eigenständige, kompromisslose Ausdrucksformen. In ihnen verdichtet sich das Ringen um Identität, um weibliche Selbstbehauptung und um einen Ort in der Welt.
bis 18. Oktober 2026
Das open art museum zeigt mit diesen beiden Ausstellungen eindrücklich, wie Kunst jenseits etablierter Kategorien gesellschaftliche und persönliche Realitäten sichtbar macht – offen, direkt und berührend.
www.openartmuseum.ch

Adelheid Duvanel, Ohne Titel (Schwebende / fallende Frau), 1984, Filzstift auf Papier © open art museum, Stiftung für Schweizerische Naive Kunst und Art Brut, St. Gallen















