Die Liebe gilt als stärkste aller menschlichen Kräfte – als Ursprung von Glück und Verzweiflung, als Antrieb für Kunst, Literatur und Religion. Kaum ein Gefühl hat die Kulturgeschichte nachhaltiger geprägt als jene widersprüchliche Emotion zwischen Hingabe, Sehnsucht und Verlust. Mit der Ausstellung „Weltmacht Liebe. Eine Reise durch die Jahrhunderte“ widmet sich die Österreichische Nationalbibliothek im prachtvollen Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek einem Thema, das so universell wie zeitlos erscheint. Vom 20. März bis 1. November 2026 entfaltet sich dort ein eindrucksvolles Panorama menschlicher Gefühle – zwischen antiken Schöpfungsmythen, mittelalterlicher Minnelyrik und literarischen Tragödien der Moderne.
Bereits der Auftakt der Ausstellung verweist auf eine der ältesten Erzählungen der westlichen Kulturgeschichte: die biblische Genesis. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“ – dieser Satz bildet gleichsam den Ausgangspunkt einer jahrtausendelangen Suche nach Nähe, Erfüllung und Zugehörigkeit. Die Ausstellung folgt den Spuren dieser Suche durch unterschiedliche Epochen und zeigt, wie sich Vorstellungen von Liebe stets verändert und dennoch in ihrem Kern erhalten haben.
Besonders eindrucksvoll gelingt dies anhand literarischer Zeugnisse. Im Hochmittelalter wird die unerreichbare Geliebte zum Zentrum der sogenannten hohen Minne. Die Liebe erscheint hier nicht als erfüllbare Beziehung, sondern als idealisierte Sehnsucht, die gerade durch ihre Aussichtslosigkeit veredelt wird. Dieses Motiv wirkt weit über seine Zeit hinaus. Auch Dante Alighieri erhebt seine früh verstorbene Beatrice zur ewigen Inspirationsfigur und lässt sie in der „Göttlichen Komödie“ zur Führerin durch Himmel und Unterwelt werden. Liebe wird damit zu einer spirituellen Kraft, die über Leben und Tod hinausweist.

Lutwin, „Adam und Eva“, Handschrift, Papier, Hagenau um 1460
Doch die Ausstellung zeigt ebenso die dunklen Seiten der Emotion. Liebe kann obsessiv werden, zerstörerisch, ja lebensgefährlich. Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ markieren einen Höhepunkt dieser leidenschaftlichen Übersteigerung. Werthers unerfüllte Liebe endet im Selbstmord – ein literarisches Echo jener existenziellen Verzweiflung, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Zwischen Hingabe und Wahnsinn, Glück und Schmerz offenbart sich die Liebe als ambivalente Macht.
Neben literarischen Handschriften und historischen Dokumenten begegnen Besucherinnen und Besucher auch musikalischen Stimmen der Liebe: Werke von Wolfgang Amadeus Mozart oder Franz Schubert verleihen dem Gefühl Klang und Rhythmus, während Texte von Arthur Schnitzler oder Ingeborg Bachmann moderne Perspektiven auf Beziehungen, Sehnsucht und gesellschaftliche Rollenbilder eröffnen. Gerade darin liegt die besondere Stärke der Ausstellung: Sie beschränkt sich nicht auf romantische Ideale, sondern zeigt Liebe in all ihren Facetten – auch jenseits traditioneller Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Konventionen.
„Weltmacht Liebe“ ist damit weit mehr als eine kulturhistorische Schau. Die Ausstellung wird zu einer Reflexion über das Menschsein selbst. Denn Liebe bedeutet nicht nur Leidenschaft zwischen zwei Menschen, sondern ebenso Nächstenliebe, Fürsorge und Verantwortung füreinander. Seit der Antike prägt sie religiöse und soziale Vorstellungen vom Zusammenleben und bleibt bis heute eine der stärksten Triebfedern menschlichen Handelns.
Im barocken Ambiente des Prunksaals entfaltet diese Reise durch die Jahrhunderte eine besondere Wirkung. Zwischen kostbaren Handschriften, historischen Drucken und literarischen Meisterwerken wird spürbar, dass die Geschichte der Liebe immer auch die Geschichte unserer Kultur ist.
20. März bis 1. November 2026
www.onb.ac.at

Dante und Beatrice, Dante Alighieri, La Commedia, Mantua 1472






