Der weibliche Körper war über Jahrhunderte hinweg Gegenstand fremder Zuschreibungen. Er wurde idealisiert, reglementiert, begehrt, moralisiert und kontrolliert. In Kunst, Religion und Gesellschaft fungierte er als Projektionsfläche für Vorstellungen von Weiblichkeit, Schönheit und Norm. Doch was geschieht, wenn Frauen selbst den Blick übernehmen? Wenn sie den eigenen Körper nicht länger als Objekt betrachten lassen, sondern ihn zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Reflexion machen?
Die Ausstellung „her*spectives – Positionen aus der Sammlung Müller“ in der Landesgalerie Burgenland widmet sich genau dieser Frage. Kuratiert von Marion Schimetits, versammelt sie internationale Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen, die den weiblichen Körper als Ort persönlicher Erfahrung, gesellschaftlicher Auseinandersetzung und politischer Selbstermächtigung begreifen.
Ausgehend von den bahnbrechenden Positionen der Feministischen Avantgarde spannt die Schau einen Bogen von den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er- und 1970er-Jahre bis in die Gegenwart. Künstlerinnen wie Carolee Schneemann, Ulrike Rosenbach oder VALIE EXPORT revolutionierten den Umgang mit dem weiblichen Körper in der Kunst. Sie machten ihn zum Medium des Widerstands gegen tradierte Geschlechterrollen und gegen die jahrhundertelang dominierende männliche Perspektive auf das Weibliche.
Ihre künstlerischen Strategien wirken bis heute nach. Die in der Ausstellung vertretenen zeitgenössischen Positionen greifen zentrale Fragen unserer Gegenwart auf: Wie entstehen Körperbilder? Welche Schönheitsnormen prägen unsere Wahrnehmung? Wie wirken gesellschaftliche Erwartungen auf Selbstbild und Identität? Und welche Rolle spielen Scham, Lust, Verletzlichkeit oder Begehren in einer Welt, die Körper permanent bewertet und kategorisiert?

Blick in die Ausstellung her*spectives © MFilm – Raffael Maltrovsky
Die Vielfalt der präsentierten Arbeiten macht deutlich, dass es keine einheitliche weibliche Perspektive gibt. Vielmehr entfaltet sich ein vielstimmiger Dialog über Erfahrungen des Frauseins, über Selbstbestimmung und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die Werke erzählen von Verletzungen und Befreiungen, von Intimität und Öffentlichkeit, von Widerstand und Akzeptanz. Dabei wird der Körper nicht nur als biologisches Faktum verstanden, sondern als kulturell geprägter Raum, in dem sich gesellschaftliche Konflikte spiegeln.
Kuratorin Marion Schimetits beschreibt den weiblichen Körper treffend als „Kampffeld für Ausgrenzung, Normierung und Zugehörigkeit“. Die ausgestellten Künstlerinnen setzen diesem Blick jedoch selbstbewusst ihre eigenen Narrative entgegen. Sie hinterfragen bestehende Ordnungen und eröffnen neue Perspektiven auf Identität, Geschlecht und gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade in einer Zeit, in der Fragen nach Gleichberechtigung, Diversität und Sichtbarkeit erneut intensiv diskutiert werden, gewinnt die Ausstellung besondere Aktualität.
Die gezeigten Werke stammen aus der Sammlung Müller, die aus der jahrzehntelangen Sammelleidenschaft von Mario Müller hervorgegangen ist und im Kunstraum Siegendorf ihren festen Ort gefunden hat. Die Sammlung verbindet Positionen unterschiedlicher Generationen und kultureller Kontexte und dokumentiert eindrucksvoll, wie Künstlerinnen den Körper als Ort individueller und politischer Erfahrung verhandeln.
30. Mai bis 13. September 2026
Im Fokus: Margit Koppendorfer – Theatergeschichte im Entwurf
Parallel zu herspectives* präsentiert die Landesgalerie mit „im Fokus: Margit Koppendorfer – Theatergeschichte im Entwurf“ eine ebenso konzentrierte wie faszinierende Werkschau der österreichischen Kostümbildnerin.
Über mehr als vier Jahrzehnte prägte Margit Koppendorfer die Bildwelten bedeutender Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters. Für Werke von Shakespeare, Brecht, Handke, Elfriede Jelinek, Peter Turrini oder Heiner Müller entwickelte sie Kostüme von außergewöhnlicher Präzision und poetischer Kraft. Ihre Zusammenarbeit mit Regiegrößen wie George Tabori, Claus Peymann oder Ruth Berghaus machte sie zu einer wichtigen Gestalterin der Theaterlandschaft.
Die Ausstellung richtet den Blick auf die oft verborgene Kunst des Entwerfens. Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe offenbaren die kreative Vorarbeit, aus der Bühnenfiguren entstehen. Gleichzeitig erzählt die Präsentation von den Herausforderungen einer Generation von Künstlerinnen, die sich in einer von Männern dominierten Theaterwelt behaupten mussten.
Heute widmet sich Koppendorfer im Südburgenland verstärkt der Malerei und der Lyrik. Die Schau macht sichtbar, wie eng sich in ihrem Werk bildende Kunst, Theater und persönliche Ausdruckskraft verbinden – und eröffnet einen berührenden Blick auf ein außergewöhnliches künstlerisches Lebenswerk.
30. Mai bis 13. September 2026
https://landesgalerie-burgenland.at

Entwurf für „Wer?“ Ingeborg Bachmann, Burgtheater Wien Foto: © Landesgalerie Burgenland, Birgit Sauer






