Manchmal entstehen gerade aus der Veränderung neue Perspektiven. Während ihr traditionsreiches Hauptgebäude saniert wird, hat die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe einen außergewöhnlichen Weg gefunden, ihre Schätze weiterhin zugänglich zu machen: Im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien entfaltet sich mit „See You“ eine Sammlungspräsentation, die weit mehr ist als eine Übergangslösung. Sie ist eine Einladung zum Wiedersehen, zum Neuentdecken und zum Dialog mit der Kunst.
Rund 300 Werke aus dem Bestand der Kunsthalle versammeln sich im weitläufigen Lichthof des Hallenbaus zu einem eindrucksvollen Parcours durch die europäische Kunstgeschichte. Vom Mittelalter bis in die späten 1940er-Jahre spannt sich ein Bogen, der nicht nur kunsthistorische Entwicklungen sichtbar macht, sondern auch die Frage stellt, wie Bilder über Jahrhunderte hinweg mit uns kommunizieren. Es sind große Namen, die den Rundgang prägen: Matthias Grünewald, Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens, Henri Matisse oder Ernst Ludwig Kirchner begegnen den Besucherinnen und Besuchern ebenso wie weniger bekannte Positionen, die neue Blickwinkel eröffnen. Vertraute Meisterwerke treten dabei in einen spannenden Dialog mit selten gezeigten Arbeiten. Die Ausstellung versteht sich nicht als klassische Präsentation eines Kanons, sondern als lebendiges Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

„See You. Begegnungen mit der Kunsthalle Karlsruhe” © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Bereits der Auftakt überrascht. Ein filmischer „Schwellenraum“ der Künstlerin Anna Henckel Donnersmarck führt in die Ausstellung ein und lenkt den Blick auf den eigentlichen Heimatort der Sammlung – das derzeit verlassene Gebäude der Kunsthalle an der Hans-Thoma-Straße. Der Film macht die Abwesenheit des vertrauten Museumsortes spürbar und verwandelt sie zugleich in einen poetischen Ausgangspunkt für die Reise durch die Sammlung.
Im weiteren Verlauf entfaltet sich eine chronologische Erzählung, die immer wieder bewusst unterbrochen wird. Wechselnde Studioausstellungen setzen Akzente, schaffen Irritationen, eröffnen neue Lesarten und ermöglichen unerwartete Begegnungen. Besonders bemerkenswert ist dabei die stärkere Sichtbarkeit von Künstlerinnen, deren Beiträge lange Zeit im Schatten kunsthistorischer Erzählungen standen. So erweitert „See You“ den Blick auf die Geschichte der Kunst und öffnet den Kanon für neue Stimmen.

„See You. Begegnungen mit der Kunsthalle Karlsruhe” © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Zusätzliche Impulse bringt die Integration der Sammlung Röchling. Erstmals werden ausgewählte Werke aus der von Dr. Hermann Röchling gegründeten Fontana Stiftung präsentiert. Die hochkarätigen Arbeiten bereichern die Schau um weitere Facetten und verleihen dem Rundgang neue Glanzpunkte.
Auch der Einsatz digitaler Vermittlungsangebote zeigt, wie sehr die Kunsthalle ihre Rolle als zeitgemäßes Museum versteht. Ein multimedialer Guide begleitet die Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung und eröffnet vertiefende Einblicke in zentrale Werke. So lässt sich beispielsweise die aufwendig restaurierte „Kreuztragung Christi“ von Matthias Grünewald neu entdecken. Thematische Rundgänge schaffen darüber hinaus individuelle Zugänge und verbinden historische Kunst mit aktuellen Fragestellungen.
„See You“ ist damit weit mehr als eine Präsentation bedeutender Meisterwerke. Die Ausstellung versteht sich als offenes Angebot zum Austausch über Kunst, Geschichte und Gegenwart. Sie macht sichtbar, dass große Sammlungen nicht nur Bewahrungsorte der Vergangenheit sind, sondern lebendige Räume des Denkens und Fragens. In Karlsruhe wird diese Idee auf eindrucksvolle Weise erfahrbar – als Einladung, die Kunstgeschichte nicht nur anzusehen, sondern ihr zu begegnen.
bis auf weiteres
www.kunsthalle-karlsruhe.de
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