Sie kennen sich seit der Schulzeit. Sie wachsen in Wien auf, zwischen Boxclub, Westbahnhof und Kennedybrücke. Ihre Väter haben ihnen beigebracht, was ein Mann zu sein hat. Stark. Unverletzlich. Erfolgreich. Doch Milo, Malik und Aria spüren, dass diese alten Regeln nicht mehr für sie gelten sollen. In „PULS!“ am Kasino des Burgtheaters erzählt Arad Dabiri von Freundschaft, Männlichkeit und dem schwierigen Versuch, einen anderen Weg zu finden.

Ein Herzschlag ist ein Rhythmus. Gleichmäßig, zuverlässig, manchmal kaum wahrnehmbar. Bis er schneller wird. Bis er rast. Bis er aus dem Takt gerät.
Auch Milo, Malik und Aria kennen diesen Rhythmus. Sie sind Freunde, seit sie jung sind, und Wien ist ihre gemeinsame Landschaft: der Boxclub, der Westbahnhof, die Kennedybrücke, Nächte, Gespräche, Musik und jene Zwischenräume einer Stadt, in denen man erwachsen wird, ohne genau zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Milo boxt. Nicht unbedingt, weil er selbst davon träumt, sondern weil sein Vater es will. Malik hört zu – aufmerksam, geduldig, immer für andere da. Nur von sich selbst erzählt er kaum etwas. Und Aria zieht durch die Nächte, dem nächsten Rausch entgegen, als ließe sich darin etwas finden, das ihm im nüchternen Leben fehlt.
Drei junge Männer. Drei unterschiedliche Strategien, mit der Welt zurechtzukommen. Und doch verbindet sie mehr, als sie zunächst glauben. Denn da sind ihre Väter. Männer, die selbst nie ganz aus der Rolle des Sohnes herausgefunden haben. Männer, die ihren Vorstellungen von Stärke, Härte und Männlichkeit hinterherlaufen und diese Vorstellungen an ihre eigenen Söhne weitergeben. Nicht unbedingt aus Bosheit. Vielleicht aus Unwissenheit. Vielleicht, weil auch sie nie gelernt haben, anders zu sein.

Arad Dabiri, Foto Tommy Hetzel

Arad Dabiri, Foto Tommy Hetzel

Milo, Malik und Aria beobachten das. Und sie beschließen, es anders zu machen. Doch Muster verschwinden nicht, nur weil man sie erkannt hat.
Genau dort setzt Arad Dabiris „PULS!“ an. Der Wiener Autor, der mit seinem Roman DRAMA bereits auf sich aufmerksam machte und 2023 mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet wurde, schreibt über eine Generation, die zwischen überlieferten Vorstellungen und neuen Möglichkeiten steht. Seine Sprache folgt dabei dem Rhythmus der Figuren: leise Monologe wechseln mit schnellen Dialogen, treibende Verse mit Momenten des Innehaltens.
Im Zentrum steht eine scheinbar einfache Frage, die in Wahrheit eine enorme Zumutung sein kann: „Mir geht’s nicht gut.“
Drei Wörter. Eine kleine Wahrheit. Und vielleicht der erste Schritt aus einem System, in dem Gefühle zu zeigen noch immer als Schwäche verstanden wird.
Was kostet es, diesen Satz auszusprechen?
Vor dem Vater?
Vor den Freunden?
Vor sich selbst?
Und was passiert danach?
In der Regie von Saliha Shagasi, deutscher Regisseurin und Theaterpädagogin, wird PULS! zu einer Suche nach dem Moment, in dem aus ererbten Rollen eigene Entscheidungen werden. Es geht nicht darum, die Väter zu verurteilen oder eine neue Gebrauchsanweisung für Männlichkeit zu schreiben. Viel spannender ist die Frage, was entsteht, wenn junge Männer beginnen, sich selbst zuzuhören.
Vielleicht ist das der eigentliche Mut: nicht immer stärker zu werden, sondern zuzugeben, dass man manchmal Angst hat. Nicht alles auszuhalten, sondern Hilfe zuzulassen. Nicht schweigend weiterzumachen, sondern einen Satz zu sagen, der alles verändern kann:
Mir geht’s nicht gut…
Der Titel des Stücks verweist dabei auf etwas sehr Körperliches. Auf den Puls als Zeichen des Lebens, aber auch auf Erregung, Angst, Wut und Begehren. Auf einen Körper, der verrät, was die Sprache noch zu verbergen versucht. Milo, Malik und Aria stehen an einem offenen Punkt ihres Lebens. Die alten Muster sind stark. Aber noch ist nichts entschieden. Vielleicht ist genau das die Hoffnung, die in „PULS!“ steckt: dass Herkunft nicht Schicksal sein muss. Dass man die Geschichte, die einem mitgegeben wurde, nicht einfach weiterschreiben muss. Und dass Freundschaft ein Ort sein kann, an dem Männer lernen, ihre Rüstung abzulegen. Nicht plötzlich. Nicht ohne Rückfälle. – Aber gemeinsam.
Premiere: 2. Oktober 2026
Weitere Termine: 9., 15. und 20. Oktober 2026
www.burgtheater.at