Die Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien dienen seit jeher als Spiegel historischer wie gegenwärtiger Kunstpraxis. Aufbauend auf diesen Sammlungen, die Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Glyptothek umfassen, bietet die Ausstellung „Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus“ eine faszinierende Reflexion über die Spannung zwischen institutionalisierter Kunsttradition und künstlerischer Innovation.

Der Ausgangspunkt der Schau liegt in der Gründung der ersten modernen Kunstakademie, der Accademia del Disegno in Florenz (1563), und in der paradoxen Position Michelangelos: Giorgio Vasari sah in dessen Werk die unüberbietbare Vollendung der Kunst – ein Maßstab, der zugleich das Ende des Fortschritts zu markieren schien. Die Akademie verstand sich fortan als Gegenpol zu diesem Ideal: Sie sollte den göttlich inspirierten Künstler begleiten, ausbilden und ihm ein intellektuelles wie technisches Fundament bieten, ohne selbst genialisch sein zu müssen. Die Beerdigung Michelangelos 1564 markierte dabei die erste öffentliche Aktivität der Akademie und steht symbolisch für die Spannung zwischen Ehrfurcht vor dem Meisterwerk und institutioneller Vermittlung von Können.

Franz Anton Maulbertsch, Allegorie auf das Schicksal der Kunst, um 1770 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Franz Anton Maulbertsch, Allegorie auf das Schicksal der Kunst, um 1770 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

„Avantgarde und Akademismus“ verfolgt diese Dialektik entlang der europäischen Kunstgeschichte: von Vasari, Botticelli und Tizian über Le Brun, Poussin, Maulbertsch und Waldmüller bis zu zeitgenössischen Positionen von Hollegha, Koether, Kippenberger oder Zobernig. Neben den historischen Gemälden und Graphiken bilden Kopien nach Raffael, Michelangelo oder Lorrain sowie Reenactments gegenwärtiger Künstlerinnen und Künstler einen zentralen Aspekt der Präsentation. Sie zeigen, wie die Auseinandersetzung mit Vorbildern, die Nachahmung und Überschreibung von Traditionen bis heute als produktive Praxis verstanden werden kann.
Die Ausstellung gliedert sich nicht nur historisch, sondern auch räumlich in eine immersive, studiohafte Szenerie, die es ermöglicht, die Spannungen zwischen Akademie, Kopie und Avantgarde sinnlich zu erfahren. Hier treffen klassische Werke auf performative Elemente zeitgenössischer Kunst, und die historischen Sammlungen der Akademie werden zu aktiven Gesprächspartnern. Dabei wird die akademische Praxis – das Kopieren, Studieren, Wiederholen – nicht als starres Ritual verstanden, sondern als dynamischer Prozess, in dem Traditionen reflektiert, kritisiert und neu interpretiert werden.
Thematisch öffnet die Schau zudem den Blick auf aktuelle Diskurse: Identitätspolitik, Diversität und geopolitische Verschiebungen werden ebenso ins Feld gerückt wie die Frage nach der Relevanz von Ausbildung, Institution und künstlerischer Autorität in der Gegenwart. Die historische Dimension der Ausstellung, die unter anderem Werke von Friedrich Overbeck, Joseph Wright of Derby oder Johan Peter Hasenclever zeigt, korrespondiert so direkt mit der zeitgenössischen Auseinandersetzung.
2. Oktober 2026 bis 22. August 2027
www.kunstsammlungenakademie.at

Birgit Megerle, The Publisher, 2026, Courtesy Birgit Megerle, Foto: Gunter Lepkowski

Birgit Megerle, The Publisher, 2026, Courtesy Birgit Megerle, Foto: Gunter Lepkowski