Zwei Künstler, zwei Generationen, zwei radikal unterschiedliche Bildsprachen – und eine gemeinsame Obsession: der Mensch. Mit „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human” bringt die Albertina Modern in Wien rund 70 Schlüsselwerke von Pablo Picasso und Francis Bacon in einer spannungsvollen Gegenüberstellung zusammen. Die grossangelegte Ausstellung macht sichtbar, wie eng die beiden Jahrhundertkünstler über die Grenzen von Zeit und Stil hinweg miteinander verbunden sind – und wie sehr Picasso für Bacon zur künstlerischen Vaterfigur wurde.

Als Bacon beschloss, Maler zu werden, stand Picasso bereits als übermächtige Erscheinung am Horizont der modernen Kunst. Sein ganzes Leben lang setzte sich Bacon mit diesem Vorbild auseinander. Er wollte nicht nur an Picasso anknüpfen, sondern für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts jene Rolle einnehmen, die Picasso für die erste gespielt hatte: die Rolle eines Chronisten des Menschseins, der seine Zeit nicht beschönigt, sondern ihre Widersprüche, Ängste und Begierden offenlegt.
Beide Künstler rückten den menschlichen Körper ins Zentrum ihrer Kunst – allerdings nicht als idealisierte Erscheinung, sondern als verletzliche, widersprüchliche und zutiefst existenzielle Realität. Körper werden deformiert, fragmentiert, verdreht und neu zusammengesetzt. Gesichter verlieren ihre vermeintliche Sicherheit, Körper geraten aus dem Gleichgewicht. Was dabei entsteht, ist keine blosse Verzerrung, sondern eine Bildsprache für innere Zustände: Schmerz und Lust, Gewalt und Begehren, Einsamkeit und Verletzlichkeit.

Pablo Picasso: Sitzende Badende, 1930, Öl auf Leinwand (© Succession Picasso / Bildrecht, Wien 2026, © Foto: „Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence, 2026”)

Pablo Picasso: Sitzende Badende, 1930, Öl auf Leinwand (© Succession Picasso, Bildrecht, Wien 2026, © Foto: Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence, 2026)

Besonders eindringlich wird die Verbindung dort, wo sich wiederkehrende Motive begegnen: Kreuzigungen, Schreie, der Stierkampf, Akte und jene von Erotik und existenzieller Spannung geprägten «Tränen des Eros». Bei Picasso wie bei Bacon wird der Körper zum Schauplatz des Menschlichen. Er erzählt von Leben und Tod, von Begehren und Verlust, von körperlicher Präsenz und psychischer Erschütterung.
Dabei ist die Beziehung keineswegs einseitig. Picasso selbst war nicht von Bacon beeinflusst, verfolgte dessen künstlerische Entwicklung jedoch aufmerksam. Die Ausstellung zeichnet somit nicht nur eine Einflussgeschichte nach, sondern eröffnet einen Dialog zwischen zwei eigenständigen Positionen. Ihre Gegenüberstellung macht Unterschiede ebenso sichtbar wie überraschende Gemeinsamkeiten – und zeigt, wie Picasso als prägende Figur in die Kunst der Nachkriegsgeneration hineinwirkte.
„PICASSO – BACON” ist damit mehr als ein Treffen zweier Ikonen der Moderne. Die Ausstellung konfrontiert zwei Künstler mit derselben grundlegenden Frage: Wie lässt sich das Menschsein malen, wenn die vertrauten Bilder vom Menschen nicht mehr ausreichen? Ihre Antworten sind verstörend, körperlich, manchmal brutal – und gerade deshalb von einer anhaltenden Aktualität.
18. September 2026 bis 31. Jänner 2027
www.albertina.at

Francis Bacon: Drei Studien der Isabel Rawsthorne, 1967, Öl auf Leinwand (Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © The Estate of Francis Bacon / All rights reserved / Bildrecht, Wien und DACS, London 2026)

Francis Bacon: Drei Studien der Isabel Rawsthorne, 1967, Öl auf Leinwand (Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © The Estate of Francis Bacon,  Bildrecht, Wien und DACS, London 2026)