Johanna Sebauers Erfolgsroman „Ninncshof” kommt als Eigenproduktion der Kulturzentren Burgenland auf die Bühne. Was wäre, wenn man einfach verschwinden könnte? Kein Lärm, keine Touristen, keine Schlagzeilen – und am besten auch keine Geschichte, die sich ständig einmischt. Im burgenländischen Nincshof haben drei Männer einen ebenso skurrilen wie radikalen Plan: Ihr Dorf soll vergessen werden. Mit Speckbroten, Pusztafeigenschnaps und einer gehörigen Portion Widerstand gegen die Welt beginnt ein turbulentes Unterfangen, das nun auch die Bühne erobert.

Es gibt Dörfer, die möchten größer werden. Sie wünschen sich mehr Gäste, mehr Aufmerksamkeit, mehr Tourismus, vielleicht sogar einen Kreisverkehr. Und dann gibt es Nincshof. Dieses Dorf möchte vor allem eines: vergessen werden.
Irgendwo im burgenländischen Seewinkel, zwischen Andau und Pamhagen – oder vielleicht doch bei Wallern, Tadten oder ganz woanders – liegt ein Ort, den es eigentlich gar nicht gibt. Schon sein Name verrät das Geheimnis: Das ungarische Wort „nincs“ bedeutet „gibt es nicht“ oder „ist nicht vorhanden“. Nincshof ist ein Ort zwischen Realität und Fiktion, zwischen österreichischer Dorfidylle und literarischem Paralleluniversum. Und genau dort beginnt eine der charmantesten Revolutionsgeschichten der österreichischen Gegenwartsliteratur.
Johanna Sebauers Roman „Nincshof“, 2023 erschienen und vielfach ausgezeichnet, erzählt von drei Männern, die genug haben von der modernen Welt. Bürgermeister, der uralte Sipp Sepp und der junge Valentin Salmerak gründen die Bewegung der Oblivisten. Ihr Ziel: Nincshof soll wieder verschwinden.
Denn der Legende nach war das Dorf einst im Schilf der Hánság-Sümpfe verborgen. Die Menschen lebten dort ungestört, selbstbestimmt und frei. Erst als der Einserkanal gebaut und das Sumpfland trockengelegt wurde, tauchte Nincshof gewissermaßen aus der Deckung auf. Plötzlich war der Ort sichtbar – und damit der Geschichte ausgeliefert.

Johanna Sebauer © Birte Filmer

Johanna Sebauer © Birte Filmer

Die Oblivisten wollen diesen Urzustand zurück. Ihre Philosophie ist ebenso einfach wie absurd: Im Vergessen liegt die Freiheit. Doch eine Revolution im Burgenland funktioniert eben etwas anders als anderswo. Hier werden die großen gesellschaftlichen Fragen nicht unbedingt auf Barrikaden diskutiert, sondern auf konspirativen Eckbänken – bei Speckbrotwürfeln und Pusztafeigenschnaps.
Für die Umsetzung ihres Plans brauchen die drei Männer allerdings Unterstützung. Und wer wäre dafür besser geeignet als Erna Rohdiebl, eine beinahe 80-jährige Frau, die sich die Freiheit nimmt, nachts in den Garten der Nachbarin einzusteigen, um deren Swimmingpool zu benutzen? Erna ist zwar nicht unbedingt überzeugt davon, dass Verschwinden die Lösung aller Probleme ist. Aber ihre Neugier siegt. Und so wird sie Teil einer Bewegung, die mit bemerkenswerter Konsequenz versucht, die eigene Existenz aus dem öffentlichen Gedächtnis zu löschen.
Ortstafeln verschwinden. Veranstaltungen werden abgesagt. Fahrradtourist:innen sollen vergrault werden. Spuren werden verwischt. Doch dann tauchen „die Neuen“ auf: Menschen aus der Stadt, die sich in Nincshof niederlassen. Ein Architekt widmet sich der Zucht einer exotischen Ziegenrasse, während seine Frau, eine Dokumentarfilmerin, eigentlich nur ihren persönlichen Rückzug sucht. Stattdessen beginnt sie, sich immer stärker für das Dorf, seine Geschichten und seine rätselhafte Vergangenheit zu interessieren.
Damit wird es kompliziert. Denn wie soll man vergessen werden, wenn plötzlich jemand anfängt, sich zu erinnern?

Kulturzentrum Güssing © KBB-Burgenland

Kulturzentrum Güssing © KBB-Burgenland

Diese Frage macht Nincshof weit mehr als zu einer skurrilen Dorfgeschichte. Hinter dem Humor steckt eine erstaunlich aktuelle Auseinandersetzung mit Freiheit, Erinnerung, Identität und dem Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Was passiert, wenn Menschen sich der Welt entziehen wollen? Kann man frei sein, wenn niemand weiß, dass es einen gibt? Und wer entscheidet eigentlich darüber, was erinnert werden soll – und was verschwinden darf?
Sebauer erzählt diese großen Fragen mit leichter Hand. Ihre Figuren sind keine finsteren Verschwörer, sondern liebenswerte, schrullige Menschen, die sich in eine Idee verrannt haben. Gerade dadurch entsteht eine besondere Komik. Der Aufstand der Oblivisten wirkt nie wie eine klassische Revolution. Er ist eher eine burgenländische Anti-Revolution: entschleunigt, widerspenstig und gelegentlich vom nächsten Speckbrot unterbrochen.
Nun bringt Christoph Krutzler, der seit 2026 den Bereich Erwachsenentheater der Kulturzentren Burgenland leitet, Nincshof als Eigenproduktion auf die Bühne. Regie führt Lisa-Maria Cerha, für die Musik sorgt Ferry Janoska. Auf der Bühne stehen unter anderem Mona Kospach, Johanna Mertinz, Christoph Krutzler, Skye MacDonald und Gerald Votava.

Kulturzentrum Mattersburg © Wolfgang Thaler

Kulturzentrum Mattersburg © Wolfgang Thaler

Die Theaterfassung verspricht einen besonderen Reiz: Denn Nincshof ist ein Ort, der sich ohnehin ständig zwischen Wirklichkeit und Erfindung bewegt. Auf der Bühne kann dieses Spiel mit Realität, Erinnerung und Verschwinden noch einmal eine ganz eigene Dynamik entwickeln.
Und vielleicht ist das die schönste Pointe dieser Geschichte: Die Oblivisten tun alles dafür, dass niemand mehr von Nincshof spricht.Das wird ihnen vermutlich nicht gelingen. Denn ein Dorf, das vergessen werden will, ist vielleicht gerade deshalb besonders erinnerungswürdig.
Kulturzentrum Güssing, 15. Oktober 2026
Kulturzentrum Mattersburg, 16. Oktober 2026
Kulturzentrum Oberschützen, 21. und 22. Oktober 2026
Kulturzentrum Eisenstadt, 6. November 2026
www.kulturzentren.at

Kulturzentrum Eisenstadt © Rudy Dellinger

Kulturzentrum Eisenstadt © Rudy Dellinger