Sich endlich wieder begegnen, Verlorenes wiederfinden, Neues entdecken, ja vielleicht sogar: aus wiedergefundenem Alten etwas Neues, nie Dagewesenes schaffen – mit dieser Hoffnung startete das Staatstheater Cottbus in die Spielzeit 21/22. Mit 22 Premieren, acht Philharmonischen Konzerten, Familien-, Schul- und Kammerkonzerten, zwei Konzertgastspielen sowie verschiedensten Sonder- und Gesprächsformaten in allen vier Sparten machen die Ensembles des Hauses ihrer angestauten Spielwut Luft. Musiktheater und Ballett gastieren darüber hinaus mit 17 Aufführungen im Rahmen des Brandenburgischen Theater- und Konzertverbunds in Potsdam, Frankfurt/Oder und Brandenburg an der Havel.
Hier ein paar der Highlights der diesjährigen Saison:

Otello von Giuseppe Verdi
Gleich dreimal läutet es Sturm: Erst droht Otellos Schiff im Meer zu versinken. Wenig später verletzt ein betrunkener Offizier einen anderen. Die Bestie Mensch bricht als Naturgewalt hervor. Während der Flottenkomman­dant Otello hier noch den Aufruhr niederzwingt, bringt ihn kurz darauf die Intrige des Zynikers Jago zu Fall. In einem Sturm der Eifersucht ersticht er seine eigene Frau Desdemona.
Shakespeares Dramen haben den Komponisten Giuseppe Verdi zeitlebens fasziniert. Hier fand er den Kern seines eigenen Musiktheaters: echte Menschen von tragischer Dimension. In seinem OTELLO gestaltete er zusammen mit dem Librettisten Arrigo Boito das Seelendrama eines Mannes, der an seinem eigenen Selbstbild zugrunde geht.
Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović nimmt diesen Grundkonflikt zum Ausgangspunkt für eine Befragung der menschlichen Natur in Krieg und Frieden. Der Außenseiter Otello, der seinen Platz in der Gesellschaft einzig aufgrund seiner militärischen Erfolge behaupten kann, wird bis in die Hochzeitsnacht von seinen Kriegs­traumata verfolgt: „Um seiner Leiden willen“ habe Desdemona ihn geliebt. In dem brutalen Mord am Ende veräußern sich die unterdrückten Erinnerungen des Soldaten ebenso wie die Diskriminierungserfahrungen des Menschen mit dunkler Hautfarbe, zu dem ihn der hassverzerrte Blick eines Jago macht.
Aufführungen 28. November 2021 sowie 1. und 25. Dezember 2021, 28. Januar 2022 und 20. Februar 2022

L’Orfeo von Claudio Monteverdi
Wer anders als Orpheus, der antike mythische Sänger, konnte der erste Held der Oper sein? Der Künstler, der Musiker, der mit seinen Tönen den Tod überwindet, ist das fleischgewordene Sinnbild dieser Kunstform. Für einen Augenblick nur befreit er die Geliebte aus der Unterwelt, bevor sie wieder in den Schatten verschwindet. Und auch inhaltlich ist in der Oper von 1607 schon alles vorhanden, was das Musiktheater seitdem umtreibt: Tod, Gefühlsexzess oder (Takt-)Maß, die Macht der Liebe und die Macht der Musik. Aber wo bleibt eigentlich Eurydike? Ist sie nur der Schatten in Orpheus’ Geschichte? Was sind ihre Wünsche und will sie überhaupt zurück aus der Unterwelt?
Claudio Monteverdi schrieb seinen ORFEO im Geiste der Florentina Camerata, einer Vereinigung von Musikern, der es um eine musikalische Neubelebung der antiken Tragödie zu tun war. Dem nachspürend, übersetzen der Komponist Michael Wilhelmi und die Regisseurin Claudia Meyer in ihrer Bearbeitung Monteverdis Musik ins Heute. Musikali­sche Arrangements, Filmsequenzen und Texte der zeitge­nössischen Literatur hauchen dem „dramma per musica“, diesem Musikdrama aus dem 17. Jahrhundert, neues Leben ein. Im Zentrum steht dabei eine zeitlose Frage: Wie weiter­leben nach dem Verlust eines geliebten Menschen?
Premiere 4. Dezember 2021
weiter Aufführungen 8. und 15. Dezember 2021 sowie 13. Januar 2022 und 18. Februar 2022

Alzheim Musiktheater in 50 Bildern von Xavier Dayer
Was Alzheimer- und Demenzkranke brauchen, bekommen sie in vielen westlichen Ländern oft nicht. Es fehlen das Geld, das Personal, die Zeit. Als seine Mutter an Alzheimer erkrankte und der Vater sich darüber das Leben nahm, gründete der Schweizer Martin Woodtli daher im thailändi­schen Kamlangchay ein Pflegeheim. Denn in Thailand betrachtet man das Nachlassen von geistigen und körper­lichen Fähigkeiten nicht als Krankheit, sondern als einen normalen Prozess, der zum Leben dazugehört. Der Um­gang ist vielleicht nicht ganz so professionell, dafür aber menschlicher.
Das Musiktheater ALZHEIM macht diese Erfahrungen der Pflegeheimbewohner*innen erlebbar. Es zeigt auch die Herausforderungen, vor denen diejenigen stehen, deren Angehörige Zuwendung brauchen, für die in unserer durch­strukturierten, ökonomisierten Welt kaum Platz ist.Im Zentrum des Stückes stehen zwei Liebende, die einst eine versteckte Wochenendliebe gelebt und sich nun im Alter in Thailand wiedergefunden haben. Eine Geschichte vom Glück, loslassen zu können, und von der Akzeptanz der Vergänglichkeit, die vom Komponisten Xavier Dayer in einer einfühlsamen Klangsprache erzählt wird.
Deutsche Erstaufführung 8. April 2022

Die Drei Musketiere Ballettabend von Manuel-Joël Mandon frei nach dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas dem Älteren
Der junge D’Artagnan kommt im Jahre 1625 nach Paris, um sein Glück zu machen. Dort gerät er in eine Atmosphäre großer politischer und religiöser Umwälzungen: König Ludwig XIII. überlässt die Regierungsgeschäfte dem ebenso gnadenlosen wie unbestechlichen Kardinal Richelieu. Zwischen den Fronten Englands und Frankreichs spinnt die geheimnisvolle Lady de Winter ihre höchst privaten Intrigen. Und die drei Freunde Athos, Aramis und Porthos machen die engen Gassen von Paris auf der Suche nach Abenteuern unsicher – stets getreu ihrem Motto: „Einer für alle, alle für einen!“
Alexandre Dumas berühmter Roman wurde zur Vorlage von Theaterstücken, Musicals und Operette – und begründete mit zahlreichen Verfilm­ungen das Genre des „Mantel- und Degenfilms“. Der französische Choreograf Manuel Joel Mandon formt aus dem Stoff ein faszinierendes Ballettspektakel auf dem Innenhof der Alvensleben-Kaserne.
Termine ab Juni 2022

Carmen von Georges Bizet
Sie wären sich besser nicht begegnet: Carmen und Don Jose. Das Klischee von der „schönen Zigeunerin“, vom sinnlich südlichen Spanien, von Stierkampf, Tabakschmuggel und Folklore mit volkstümlichen Tableaux verstellt biswei­len den Blick auf Bizets Oper, die im Grunde nur ein Thema hat: die Beziehung, den Machtkampf zweier Menschen. Carmen und Jose kämpfen miteinander.
Dabei ist Carmen keine Frau, die mit Konventionen ringt oder an ihnen schei­tert. Sie selbst bestimmt das Geschehen, in ihr gestaltet der Komponist die Widersprüche von Liebe und Sehnsucht, Selbstverlust und Zurückweisung. Mit CARMEN schildert Bizet einen Kampf gegen sich selbst, gegen innere Wider­stände. Die Liebe erlebt die Titelheldin als unbeherrschbares, äußeres Phänomen, als „oiseau rebelle“ – als rebellischen Vogel, der sie willkürlich anfliegt. Der Einzige, in dem sie sich spiegeln kann, dem sie Macht über sich zugesteht, ist der Tod.
Premiere 3. Juli 2022

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