Von 9. Juli bis 9. August sorgt ImPulsTanz auch heuer dafür, dass Wien ein Ort der Begegnung, Wiederbegegnung und der Entdeckung bleibt. Internationale wie lokale Künstler*innen und zukunftsweisende choreografische Handschriften treffen auf eine Stadt, die zur offenen Bühne wird.

„In Wien sind die Performances oft viel stärker als anderswo, weil hier eine ganz spezielle Aufregung herrscht“, sagte ImPulsTanz-Leiter Karl Regensburger einmal über die Atmosphäre des Festivals, das alljährlich in den Sommermonaten die Crème de la Crème der internationalen Tanz- und Performance-Szene in Wien versammelt. Zusätzlich zum umfangreichen Performance-Programm lädt ImPulsTanz das Publikum aber auch zum Selbertanzen ein: bei Live-Konzerten und DJ-Sets im Rahmen von ImPulsTanz Soçial in der Festival Lounge im Burgtheater Vestibül ebenso wie bei den über 200 Workshops und Research Projects im Arsenal. Zahlreiche Workshop-Dozentinnen und Workshop-Dozenten werden zudem bei der ersten von zwei großen ImPulsTanz Partys am 7. August im Arkadenhof des Wiener Rathauses auflegen, am Tag danach feiert die Public Moves Night das zehnjährige Jubiläum dieser kostenfreien Tanzklassenreihe im öffentlichen Raum. Grund genug also, selbst in Bewegung zu geraten!

Cie Non Nova – Phia Ménard nocturne (Parade) © Sigrid Spinnox

Cie Non Nova, Phia Ménard,  „nocturne” (Parade) © Sigrid Spinnox

Von Trauer zu Hoffnung
Ein Blick auf das Performanceprogramm 2026  zeigt schnell, wie sehr das Weltgeschehen zwischen Kriegen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen und gesellschaftlicher Zerrissenheit die Arbeiten prägt. Doch die künstlerische Kraft lässt das Gezeigte nicht in Verzweiflung versinken, sondern verbindet die kompromisslose Analyse der Gegenwart mit einem hoffnungsvollen Blick. Der griechische Choreograf Christos Papadopoulos etwa, der bei ImPulsTanz „My Fierce Ignorant Step“ zeigt, beschreibt sein Werk als Versuch, angesichts „unserer politischen Situation voller Korruption und Krieg das Gefühl von Stärke, Optimismus und Gemeinsamkeit“ wiederzufinden. „Ich muss mich daran erinnern, dass Hoffnung an sich schon ein Akt des Widerstands ist – und dass ein solcher Mut weder naiv noch altmodisch ist.“  Zehn Tänzerinnen und Tänzer erschaffen eine Performance über Euphorie, Erinnerung und kollektive Bewegung und entwickeln eine eindringliche Klanglandschaft aus Atem, Stimme und Körper. Papadopoulos greift dabei auf kollektive Klang- und Erinnerungsschichten zurück, die mit seiner Biografie ebenso verbunden sind wie mit einem gesellschaftlichen Gedächtnis.
Auch Phia Ménard – dem Wiener Publikum durch ihr legendäres Stück „La Trilogie des Contes Immoraux (pour Europe)“ bestens in Erinnerung – beginnt ihre neue Arbeit „nocturne (Parade)“ für die Compagnie Non Nova an einem Ort der Trauer. Während sie ihren Vater bis zu dessen letztem Atemzug pflegte, entstand das Stück als zutiefst persönliche Auseinandersetzung: „Es war unrealistisch zu glauben, ich könnte den kreativen Prozess von dieser herzzerreißenden Zeit abschirmen. In diesem Sinne ist dieses Stück meine Hommage an einen verstorbenen geliebten Menschen.“ Die Aufführung beginnt in völliger Dunkelheit. Auf der Bühne des Burgtheaters in einer hölzernen Arena sitzend, hört das Publikum Goethes „Erlkönig“, während eine Vielzahl an Figuren von Ventilatoren über die kreisförmige Spielfläche bewegt werden. Die Auseinandersetzung mit Goethes Versen wird zur Auseinandersetzung mit dem Vater, den Ménard als Pazifisten beschreibt: „Der Tod eines Vaters lässt seine Kinder untröstlich zurück. Doch der Tod eines Pazifisten (gerade heute) ist ein unermesslicher Verlust für alle.“ Die Musik – von einem Walzer Chopins bis zur Arie der Königin der Nacht von Mozart – wird zum zentralen Träger dieser Bewegung zwischen Trauer und Hoffnung – wie auch in vielen anderen Arbeiten des Programms.

Anne Teresa De Keersmaeker, Radouan Mriziga, Amandine Beyer / Rosas, A7LA5, „Gli Incogniti Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione” © Anne Van Aerschot

Anne Teresa De Keersmaeker, Radouan Mriziga, Amandine Beyer / Rosas, A7LA5, Gli Incogniti „Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione” © Anne Van Aerschot

Zwischen Stille und Klang: die Kraft der Musik
Anne Teresa De Keersmaeker, Stammgast beim Festival, kehrt mit dem ImPulsTanz Classic „Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione“ zurück. In der Auseinandersetzung mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ befragt das Ensemble das schwierige Verhältnis von Mensch und Natur – ein hochaktuelles Thema. Neu ist 2026 die musikalische Live-Begleitung durch das achtköpfige Ensemble Gli Incogniti unter der Leitung von Amandine Beyer, das für seine Freude am Unbekannten, an klanglichen Experimenten und an der Suche nach neuem Repertoire bekannt ist. Auf diese Suche nach dem Neuen begibt sich auch die Tanz-Ikone Louise Lecavalier. Statt sich auf ihren legendären Arbeiten mit Édouard Lock und La La La Human Steps oder auf den Mythos ihrer Zusammenarbeit mit David Bowie und Frank Zappa auszuruhen, sucht sie weiter nach neuen Ausdrucksformen. Diese Neugierde wird sicher auch ihr brandneues Werk „danses vagabondes“ auszeichnen, das sie im Sommer nach Wien bringt. Auch „Bless This Mess“ von Katerina Andreou, die Preisträgerin des Prix Jardin d’Europe 2016, arbeitet ganz zentral mit Sound und setzt diesen als dramaturgischen Motor ein. Der Klang des Gruppenstücks entsteht live und bildet gemeinsam mit der Bewegung ein dichtes Geflecht gegenseitiger Impulse. Einen anderen Weg geht Boris Charmatz: Sein Solo „Muette“ verzichtet auf Musik und widmet sich Stille, Sprachlosigkeit und körperlicher Wahrnehmung. „Ich habe oft in der Stille getanzt“, sagt er, „aber immer, um die Mechanik des Körpers besser zu hören: Atemzüge, Rucke, Gleiten, Stimmen, Berührungen … Tanz ist laut!“ Mit „16 & 18″ kehrt Tao Ye mit seinem TAO Dance Theater aus Beijing zu ImPulsTanz zurück: „16″, inspiriert vom chinesischen Jahr des Drachen, trifft auf die neueste Kreation „18″, die im Burgtheater zur Weltpremiere gelangt. Zurück kehrt ebenfalls aufgrund der großen Nachfrage der abstrakte und doch von großen Emotionen getragene Doppelabend „13 & 14″ ins Volkstheater.

Leïla Ka, „Maldonne” © Monia Pavoni

Leïla Ka, „Maldonne” © Monia Pavoni

Spannende neue Stimmen
Erstmals bei ImPulsTanz zu Gast ist Leïla Ka. Sie choreografierte bisher für so unterschiedliche Künstlerinnen, Künstler und Compagnien wie Beyoncé oder das Nationalballett von Chile. In Wien zeigt sie ihr erstes Gruppenstück „Maldonne“, das für den International Bloom Prize des Sadler’s Wells Theatre nominiert wurde. Darin treten fünf Tänzerinnen in vierzig verschiedenen Kleidern auf – Abendkleider, Brautkleider, Nachthemden, Alltags- und Ballkleider – und entfalten ein vielschichtiges Bild von Weiblichkeit zwischen Zerbrechlichkeit und Widerstand. Einer der Höhepunkte des Festivals ist „Post-Orientalist Express“ von Eun-Me Ahn. Die Choreografin gilt als eine der weltweit einflussreichsten koreanischen Stimmen und sei allen Tanzbegeisterten besonders ans Herz gelegt; immerhin bezeichnete Deutschlandfunk Kultur sie als die „Pina Bausch Asiens“. Ihr Stück verbindet opulente Kostüm- und Bildwelten mit intensiven Pop-Elementen, virtuosem, temporeichen Tanz und richtet zugleich eine offene Frage an die Zukunft: „Jetzt, da wir das Präfix ‚post‘ hinter uns gelassen haben – wohin könnten wir uns bewegen? Welche Sätze kann ein neuer Tanz formen, und mit welchen Mitteln werden diese die Grenzen von Nationen und Kontinenten, von Sprachen und Kulturen überschreiten?“ Text Jürgen Bauer
9. Juli bis 9. August 2026
www.impulstanz.com

Trisha Brown Dance Company, „Dancing With Bob”, Opening Night © Ben McKeown

Trisha Brown Dance Company, „Dancing With Bob”, Opening Night © Ben McKeown