Wenn Musik zum Widerstand wird, Stille plötzlich laut klingt und Zuhören eine gesellschaftliche Kraft entfaltet: Klangspuren Schwaz verwandelt Tirol im September 2026 erneut in einen Resonanzraum für visionäre Klangkunst und radikale Hörerfahrungen.

Es gibt Festivals, die unterhalten. Und es gibt Festivals, die Wahrnehmung verändern. Klangspuren Schwaz gehört seit mehr als drei Jahrzehnten zu jener seltenen Kategorie kultureller Ereignisse, die weit über Konzertformate hinausgehen. Vom 10. bis 26. September 2026 wird die Region rund um Schwaz und Innsbruck erneut zum vibrierenden Experimentierfeld für zeitgenössische Musik, neue Klangwelten und künstlerische Grenzgänge. Das Motto der 33. Ausgabe lautet: „Love is Louder“. Ein Satz wie ein Manifest. Entstanden aus einem Kunstwerk des amerikanischen Künstlers Sam Durant, dessen Worte ursprünglich auf einem Demonstrationsplakat standen. Bei Klangspuren wird daraus mehr als nur ein Festivaltitel. „Love is Louder“ wird zum Leitmotiv für eine Zeit voller Krisen, Unsicherheiten und gesellschaftlicher Spannungen. Lautstärke bedeutet hier nicht Dezibel, sondern Aufmerksamkeit. Präsenz. Haltung. Es geht um das, was gehört werden muss.

Ensemble Proton Bern © Mahdi Hosseingholi

Ensemble Proton Bern © Mahdi Hosseingholi

Unter der künstlerischen Leitung des Trompeters und Kurators Marco Blaauw versteht das Festival Zuhören als soziale Praxis – als Akt der Verbundenheit, der Offenheit und des Widerstands. Neue Musik erscheint hier nicht elitär oder abgehoben, sondern unmittelbar körperlich, politisch und emotional erfahrbar.
Das zeigt sich bereits im Eröffnungskonzert im SZentrum Schwaz. Robin Hoffmanns Werk „œhr“ verzichtet vollständig auf Klang. Stattdessen richtet Tänzer Edivaldo Ernesto den Fokus auf den physischen Vorgang des Hörens selbst. Kleine Bewegungen an den Ohrmuscheln machen sichtbar, wie Wahrnehmung überhaupt entsteht. Musik beginnt hier nicht im Ton, sondern im Körper.
Klangspuren liebt solche radikalen Perspektivwechsel. Das Festival bewegt sich mühelos zwischen elektronischer Musik, persischer Tradition, experimentellem Musiktheater, Klanginstallationen und orchestralen Großformaten. Alte Musik begegnet mikrotonalen Klangflächen, Clubnächte treffen auf alpine Natur, Wohnzimmerkonzerte auf internationale Avantgarde. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in der diesjährigen Verbindung zwischen iranischer Musiktradition und zeitgenössischer Klangkunst. Trotz politischer Repression und kriegerischer Bedrohungen arbeiten Künstlerinnen wie Yasamin Shahhosseini oder Sepideh Raissadat unbeirrt weiter an neuen musikalischen Formen. Beim Festival wird der persische Radif – ein über Jahrhunderte mündlich überliefertes musikalisches Gedächtnis – zum Symbol kultureller Resilienz. Musik als Überlebenstechnik. Als Erinnerung. Als Widerstand.

Anto Sophia, Manhartsberger © Helena Manhartsberger

Anto Sophia, Manhartsberger © Helena Manhartsberger

Überhaupt versteht sich Klangspuren Schwaz weniger als klassisches Konzertfestival denn als begehbarer Resonanzraum. Musik findet nicht nur auf Bühnen statt, sondern mitten in der Stadt, in Kirchen, Kraftwerken, Wohnungen oder entlang alpiner Wanderwege. Die legendäre Klangwanderung entlang des Vomperbachs verbindet Natur, Bewegung und Soundinstallationen zu einem körperlichen Gesamterlebnis. Hydrophone machen verborgene Wasserströmungen hörbar, Musikerinnen und Musiker setzen zwischen Almwiesen und Industriearchitektur poetische Klangmarkierungen.
Auch intime Formate spielen eine zentrale Rolle. Bei „Solo for One“ musiziert ein Künstler exklusiv für nur eine einzige Person. Und bei „Rent a Musician“ ziehen Musikerinnen und Musiker direkt in private Wohnzimmer ein. Näher kann man Musik kaum kommen. Gleichzeitig wagt das Festival den großen gesellschaftlichen Blick. Produktionen wie Zara Alis Musiktheater „Codeborn“, das gemeinsam mit der Münchener Biennale und dem Tiroler Landestheater entsteht, beschäftigen sich mit künstlicher Intelligenz, Machtstrukturen und technologischer Transformation. Andere Projekte widmen sich Erinnerung, Stadtgeschichte oder dem Verhältnis von Mensch und Umwelt.
Dabei bleibt Klangspuren stets offen und überraschend zugänglich. Mit Formaten wie dem „Open Lab“, dem „Future Lab“ oder „Stadt.Klang.Spuren“ richtet sich das Festival bewusst an ein neugieriges Publikum weit über die klassische Neue-Musik-Szene hinaus. Studierende, Familien, Kunstinteressierte und zufällige Passanten begegnen hier denselben Fragen: Wie hören wir? Wie leben wir zusammen? Und was kann Kunst heute noch bewirken? Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Klangspuren Schwaz. Das Festival liefert keine einfachen Antworten. Es schafft Räume für Wahrnehmung, Irritation und Begegnung. Räume, in denen Zuhören plötzlich politisch wird. Und Stille manchmal lauter klingt als jeder Lärm der Welt. „Love is Louder“ ist deshalb weit mehr als ein Motto. Es ist eine Einladung, die Welt neu zu hören.
10. bis 26. September 2026
www.klangspuren.at

Rojin Sharafi © Hessam Samavatian

Rojin Sharafi © Hessam Samavatian