Sie stapelt, schichtet, faltet, bricht und türmt: Phyllida Barlow hat aus einfachen Materialien eine radikal eigenständige Sprache der Skulptur entwickelt. Ihre raumgreifenden Arbeiten wirken zugleich monumental und improvisiert, fremdartig und vertraut. Die Kunsthalle Krems widmet der 2023 verstorbenen britischen Bildhauerin erstmals eine monografische Ausstellung in Österreich und macht ihre Skulpturen als körperlich erfahrbare Architektur erlebbar.
Was passiert, wenn eine Skulptur nicht einfach im Raum steht, sondern ihn verändert? Wenn sie Wege versperrt, Sichtachsen unterbricht, Enge erzeugt und den Blick zwingt, seine Richtung zu wechseln? Bei Phyllida Barlow wird der Ausstellungsraum selbst zum Material. Ihre Arbeiten beanspruchen Platz, schieben sich in Durchgänge, türmen sich auf und wirken dabei oft so, als könnten sie im nächsten Moment kippen. Nichts scheint endgültig, vieles bewusst provisorisch.
Barlow, die zu den bedeutendsten Bildhauerinnen der Gegenwart zählt, entwickelte über Jahrzehnte eine radikal eigenständige Formensprache. Holz, Gips, Mullbinden, Plastik oder Polyurethan gehören zu ihrem bevorzugten Vokabular – Materialien, die im Alltag banal erscheinen, in ihren Händen jedoch eine überraschende physische und visuelle Wucht entfalten. Sie werden gebrochen, gefaltet, gestapelt und aufgeschichtet, mit Farbe überzogen und malerisch bearbeitet. Die Oberfläche ist dabei nie bloße Hülle. Sie erzählt vom Prozess, vom Eingreifen der Künstlerin und von der Spannung zwischen Konstruktion und Zerfall.

Phyllida Barlow, Installationsansicht, 2017, © Phyllida Barlow Estate. Courtesy the Phyllida Barlow Estate and Hauser & Wirth, Foto: Ruth Clark
Gerade dieses Spannungsfeld macht Barlows Skulpturen so eindringlich. Sie können wie Fragmente einer Architektur erscheinen, wie Überreste einer Stadt oder Teile einer Landschaft, deren Ordnung längst verloren gegangen ist. Aus einzelnen Objekten entstehen dichte, vielschichtige Umgebungen, die zwischen Monument und Ruine, Aufbau und Zerstörung oszillieren. Die Assoziation an dystopische Szenarien ist dabei naheliegend. In Barlows Arbeiten schwingt zudem die Erinnerung an das kriegszerstörte London ihrer Kindheit und Jugend mit – eine Erfahrung, die sich nicht als konkrete Erzählung, sondern als Atmosphäre in ihre plastische Sprache eingeschrieben hat.
International große Aufmerksamkeit erhielt Barlow insbesondere 2017 mit ihrem Beitrag für den britischen Pavillon der Biennale di Venezia. Auch dort ging es nicht darum, einen Raum lediglich zu bespielen. Barlow griff in seine Struktur ein, veränderte seine Wahrnehmung und machte Architektur zum Teil der künstlerischen Arbeit. Ihre Skulpturen wurden zu Hindernissen, Landschaften und Situationen, die sich erst durch die Bewegung des Publikums erschlossen.
Diese körperliche Dimension ist entscheidend für Barlows Kunst. Ihre Werke wollen nicht nur betrachtet werden. Sie fordern den Körper heraus: Wie nah kann man herangehen? Wo führt der Weg vorbei? Was verbirgt sich hinter einer Konstruktion? Und wie verändert sich ein Werk, wenn man es aus einer anderen Perspektive betrachtet? Aus der Begegnung zwischen Körper, Material und Raum entsteht eine Kunst, die unmittelbar und zugleich rätselhaft bleibt.
Die Kunsthalle Krems präsentiert nun erstmals in Österreich eine monografische museale Retrospektive der Künstlerin. Großformatige Installationen und Einzelskulpturen treffen auf Modelle, Gemälde und Arbeiten auf Papier. Gerade die Maquetten eröffnen einen zusätzlichen Blick auf Barlows Arbeitsweise: Sie zeigen, wie aus kleinen, scheinbar beiläufigen Versuchsanordnungen jene monumentalen räumlichen Situationen entstehen konnten. Phyllida Barlow hat der Skulptur ihre Schwere nicht genommen – sie hat sie neu erfahrbar gemacht. Ihre Kunst handelt von Material, Konstruktion und Zerstörung, vor allem aber von der unauflösbaren Beziehung zwischen Werk und Raum. In Krems wird diese Beziehung selbst zum eigentlichen Erlebnis.
21. November 2026 bis 29. März 2027
www.kunstmeile.at

Phyllida Barlow, Ausstellungsansicht © Phyllida Barlow Estate. Courtesy the Phyllida Barlow Estate and Hauser & Wirth, Foto: Ken Adlard






