Ein Maler und sein Einfluss auf die Nachwelt: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt ab März 2023 die spannende und hochaktuelle Ausstellung „Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen”.

Auf TikTok, einer bevorzugten Plattform der Generation Z – also jener Generation, die um die Jahrtausendwende geboren wurde – hat der Hashtag #mondrian 26,4 Millionen Aufrufe. Zu sehen sind Videos mit Pullovern, Kleidern, lackierten Fingernägeln, Küchenmöbeln oder auch einem neuen Handy des chinesischen Smartphone-Produzenten Tecno – alles inspiriert vom Werk des niederländischen Malers Piet Mondrian (1872–1944). Selbst eine gestrickte Sturmhaube im Mondrian-Design poppt verblüffenderweise unter besagtem Hashtag auf. Ähnliche Ergebnisse zeitigt die Suche nach #mondrian auf Instagram: Hier sind mehr als 377.000 Beiträge gelistet – und täglich kommen neue hinzu. Ist dies überraschend? Nein, nicht wirklich. Kleider, Kosmetikprodukte, Uhren, T-Shirts, Taschen – wer kennt sie nicht, die eingängige und schnell wiedererkennbare Gestaltung von Alltagsobjekten, die sich so unverkrampft wie unverblümt an den genialen Kompositionen des im New Yorker Exil verstorbenen Malers, einem der bedeutendsten Künstler*innen des 20. Jahrhunderts, bedienen. Mondrians richtungsweisender abstrakter Malstil, den er in seinen kunsttheoretischen Schriften als „Neue Gestaltung” oder „Neoplastizismus” bezeichnet hat, ist in der Tat schnell wiederzuerkennen: Die vermeintlich schlichten Kompositionen aus zunächst schwarzen Linien, farbigen Quadraten und Rechtecken auf weißem, hellblauem oder grauem Grund haben die Kunstwelt nichts weniger als revolutioniert und den Blick auf die Bildwirklichkeit für immer verändert.

Tom Sachs, 134 Composition with Yellow and Blue (Ausschnitt), 1996, Gafferband auf Sperrholz, 63,5 x 63,5 cm, Privatsammlung, © Tom Sachs, Foto & Courtesy Acquavella Galleries.

Tom Sachs, 134 Composition with Yellow and Blue (Ausschnitt), 1996, Gafferband auf Sperrholz, 63,5 x 63,5 cm, Privatsammlung, © Tom Sachs, Foto & Courtesy Acquavella Galleries.

Ausgehend von zentralen Werken Piet Mondrians gibt ab März 2023 das ganz großartige Kunstmuseum Wolfsburg mit der Ausstellung „Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen” einen spannenden Einblick in den Kosmos der vielfältigen Neuschöpfungen, Adaptionen, Auseinandersetzungen und Weiterentwicklungen seiner künstlerisch bahnbrechenden Kompositionen: von Kunstwerken seiner unmittelbaren Zeitgenossen aus dem Kontext von De Stijl – jener international einflussreichen niederländischen Kunstbewegung, die Mondrian 1917 mitbegründet hatte –, über Objekte der angewandten Kunst, des Designs und der Alltagskultur bis hin zu zahlreichen Arbeiten und Installationen von Künstler*innen der Gegenwart. Beleuchtet werden natürlich die berühmten Mondrian-Kleider des Modeschöpfers (und Kunstsammlers) Yves Saint Laurent (1936–2008) – die ikonischen, 1965 entworfenen Etuikleider des unvergesslichen französischen Couturiers gingen in die Kulturgeschichte ein und befinden sich nun in Sammlungen wie dem Rijksmuseum Amsterdam oder dem Metropolitan Museum of Art in New York.

Die umfangreiche Wolfsburger Ausstellung will der Verbindung von Kunst und Leben nachspüren – eine Verbindung, die Mondrian selbst immer wieder gefordert hat. Die große Bandbreite der präsentierten Werke und Objekte wird in ihrer medialen Vielfalt unterschiedlichste Aneignungen, Zitate oder künstlerische Weiterentwicklungen von Mondrians Werken zeigen. Dies reicht von der subtilen, auf ein bestimmtes Werk hinweisenden Verwendung von Farb- oder Formelementen bis hin zu Arbeiten, welche die Werke noch einmal „neu” erschaffen – nur mit anderen Mitteln, Medien oder Materialien. Die Strategie des Zitierens ist in diesem Kontext als Teil einer zeitgemäßen, kritischen Auseinandersetzung mit den Werken selbst sowie auch als Beschäftigung mit der Rezeptionsgeschichte von Mondrians stilprägenden Formulierungen zu verstehen. Somit ist die Schau, die in Kooperation mit dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen realisiert wurde, ein breit gefächertes und vielfältiges Kaleidoskop des „Mondrian Brand” und seiner Folgen. Nachvollziehbar ist dies anhand von wichtigen Exponaten der Ausstellung wie dem Gemälde „Drug (Remix)” von Georg Baselitz; Tom Sachs’ 1996 geschaffenem Werk „134 Composition with Yellow and Blue”; „Donald Duck Meets Mondrian” (1967) des schottischen Pop Art-Pioniers Sir Eduardo Paolozzi; Gregor Hildebrandts „Non perderti per niente al mondo (Paolo Conte)” aus 2019; oder auch dem Ölgemälde „›Mondrian‹ T.” (1989) von Ernest T. (geb. 1943).

Georg Baselitz, Drug (Remix), 2008, Öl auf Leinwand, Sammlung Würth, Inv. 11476, © Georg Baselitz, Foto: J. Littkemann, Berlin.

Georg Baselitz, Drug (Remix), 2008, Öl auf Leinwand, Sammlung Würth, Inv. 11476, © Georg Baselitz, Foto: J. Littkemann, Berlin

Zugleich hinterfragt die Ausstellung aber auch kritisch, inwieweit die künstlerischen Intentionen und Forderungen von Piet Mondrian noch im 21. Jahrhundert Gültigkeit haben und was zu der bis heute anhaltenden Attraktivität seiner absolut ikonischen Werke des Neoplastizismus geführt hat, die für die facettenreiche Migration künstlerischer Entwürfe in die Alltagswelt und damit für eine Verbindung von Kunst und Leben steht. Gerade vor dem Hintergrund der heute weit verbreiteten Copy-and-paste-Kultur wird „Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen” eine zeitgemäße wie spannende Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Aspekt der jüngeren Kulturgeschichte bieten.
11. März bis 16. Juli 2023

www.kunstmuseum.de