Die erste Ausstellung in der Gemäldegalerie unter der neuen Leitung von Sabine Folie ist noch bis 29. Januar 2023 zu sehen. Die Präsentation stellt der gängigen Praxis der Schausammlung ein Modell gegenüber, das die historischen Kunstsammlungen der Akademie – Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Glyptothek – mit zeitgenössischen Werken in Konversation treten lässt. Ebenfalls werden gängige Zuordnungen nach Perioden, Schulen und Chronologie unterbrochen und neu geordnet. Die Ausstellung schöpft aus dem Reichtum der drei Sammlungen und greift dabei nur eine Auswahl der vielen möglichen Bildprogramme, Typologien und allegorischen Formeln heraus, um sie mit anderen Werken aus anderen Zeiten lose zu verweben.

Die Ausstellung „Das entwendete Meisterwerk, Bilder als Zeitmaschinen” unternimmt einen Parcours auf Umwegen und Abzweigungen durch die Kunstgeschichte seit dem 15. Jahrhundert bis heute, wie sie sich in den Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste abbildet. Dabei beschäftigt sie sich mit den Bildtheorien des 17. Jahrhunderts, wie jener von Samuel van Hoogstraten, genauso wie mit medientheoretischen Überlegungen der Gegenwart, die eine Folge von technologischem Wandel und dessen Niederschlag in der Generierung von Bildern sind.
Der Titel der Ausstellung verdankt sich einer Engführung der Detektivgeschichte The Purloined Letter von E. A. Poe über einen entwendeten Brief, der nicht gesehen wird, weil er so offensichtlich daliegt, mit der Novelle Das unbekannte Meisterwerk (Le Chef-d’oeuvre inconnu) von Honoré de Balzac, in der es um die Imagination und die Grenzen der Darstellbarkeit geht: „Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken!“ sagt der alte Meister Frenhofer in der Novelle. Zudem kommen in der Novelle Protagonisten vor wie Peter Paul Rubens, Nicolas Poussin oder François Porbus, die allesamt in der Sammlung der Gemäldegalerie eine Rolle spielen. In beiden Geschichten geht es, wenn auch gegenläufig, um die Fragestellungen von Repräsentation, Aneignung, Mimesis und (optischer) Täuschung sowie um jene nach der Definition von „Meisterschaft“ in Bezug auf die Erfassung von Wirklichkeit.
Neben diesen Themenstellungen beschäftigt sich die Ausstellung mit der Metapher und der territorialpolitischen Darstellung des Seestückes – des Schiffs und des Meeres. Schwellenzeiten zwischen höfischen und bürgerlichen Gesellschaftskonzepten, die Implikationen einer Proto-Industrialisierung für
Klassenverhältnisse und Lebensumstände spielen ebenso eine Rolle wie, damit verbunden, Kippfiguren der Ausgrenzung und Standessatiren. Der Akt und das Marienbild kommen ins Spiel, die Pole des Dionysischen und Apollinischen sowie die gotische Transzendenz.
Typologien, fluide Übergänge und die Hybridisierung von Subjektkonstitutionen werden auf einer Bühne voller überraschender Übereinstimmungen und radikaler Gegenüberstellungen im Sinne eines Sehens in „Familienähnlichkeiten“ und Korrespondenzen, zeitlosen Formeln und Verbindungen bei aller historischen Konditionierung, die sich über die Jahrhunderte hinweg her- und einstellen, zur Anschauung und Diskussion
gestellt.

Samuel van Hoogstraten, Trompe-l'œil-Stillleben, 1655 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Samuel van Hoogstraten, Trompe-l’œil-Stillleben, 1655 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Die Ausstellung bildet den Anfang einer Reihe von Versuchen, mit der musealen Präsentation gleichzeitig Fragen zu stellen nach den Aufgaben der Vermittlung zwischen alter und neuer Kunst in Museen und eine Debatte weiterzuführen, die seit einigen Jahren rund um Begriffe des Transhistorischen sowie des „metabolischen“ und „radikalen Museums“ geführt werden.
8. April 2022 bis 29. Januar 2023

www.kunstsammlungenakademie.at