Mit dem Jahresprogramm 2026 setzt das mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien unter der Leitung seiner neuen Generaldirektorin Fatima Hellberg ein klares Zeichen: Im Zentrum steht nicht das autonome Kunstwerk, sondern die Beziehung, die sich zwischen Werk und Betrachterinnen/Betrachter entfaltet. Das Museum wird als Erfahrungsraum gedacht – als Ort, an dem Wahrnehmung sich verändert, Aufmerksamkeit gefordert wird und Komplexität nicht reduziert, sondern zugelassen bleibt.

Hellbergs Ansatz begreift den Museumsbesuch als Prozess. Ausstellungen, architektonische Interventionen und das Veranstaltungsprogramm sind dabei nicht als getrennte Ebenen konzipiert, sondern greifen ineinander. Besonderes Gewicht liegt auf der Sichtbarmachung künstlerischer Prozesse: Kunst erscheint nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als etwas, das sich im Moment der Begegnung aktualisiert. „Sehen ist keine neutrale Handlung“, formuliert Hellberg programmatisch. Die Beziehung zwischen Kunstwerk und Publikum sei situativ, körperlich und politisch – eine Form der Beteiligung, die Verantwortung impliziert. Aus dieser Haltung heraus entwickelt sich ein Jahresprogramm, das die Sammlung des mumok nicht als statischen Bestand, sondern als Resonanzraum versteht. Sie wird zum Ausgangspunkt für Perspektivwechsel und Neu-Lektüren, für Fragen danach, wie Kunst mit ihrer Zeit verbunden ist – und wie sich diese Verbindung immer wieder neu lesen lässt.

Fatima Hellberg © mumok

Fatima Hellberg © mumok

Den programmatischen Auftakt bildet am 20. Juni 2026 die Ausstellung Terminal Piece, die sich über fünf Ebenen des Hauses erstreckt. Als Abfolge von Akten konzipiert, verwandelt sie jedes Stockwerk in eine eigene Szene. Verstrickung und Komplizenschaft, Präsenz und Teilhabe, Verschiebungen von Blick und Position: Die Ausstellung untersucht jene Momente, in denen Bedeutung nicht im Werk selbst liegt, sondern erst in der Begegnung entsteht. Ausgangspunkt ist die gleichnamige Installation von Kate Millett aus dem Jahr 1972 – zugleich der erste Ankauf unter Hellbergs Leitung. Terminal Piece ist Bühne und Käfig zugleich, ein Werk, das betreten werden muss und sich der distanzierten Betrachtung entzieht. Es macht das Beobachten selbst zum Thema und legt Machtverhältnisse, Sichtbarkeiten und Verantwortlichkeiten offen, die im musealen Alltag oft unsichtbar bleiben.

Anna Viebrock, Modell für ein Bühnenbild, 2003, Foto: Anna Viebrock

Anna Viebrock, Modell für ein Bühnenbild, 2003, Foto: Anna Viebrock

Die Ausstellung verbindet zentrale Werke der mumok Sammlung mit neuen Arbeiten und externen Leihgaben. Positionen von Lutz Bacher, Jean Fautrier, Francis Picabia, Cora Pongracz, Rudolf Schwarzkogler und Cy Twombly treten in Dialog mit selten gezeigten Arbeiten von Magdalena Abakanowicz, Stefan Bertalan und Emmanuel Sougez. Viele dieser Werke sind performativ angelegt – sie entfalten sich erst im Gegenüber und fordern die aktive Präsenz der Betrachtenden ein. Ein markanter Eingriff ist die umfassende Rauminstallation der Bühnenbildnerin Anna Viebrock im Erdgeschoss. Sie verschränkt öffentliche Zonen mit sonst verborgenen Bereichen des Museums: Depot, Infrastruktur und Ausstellungsraum treten in ein produktives Spannungsverhältnis. Die Sammlung erscheint nicht als abgeschlossenes Archiv, sondern als lebendiges Gefüge, das sich durch die Anwesenheit der Besucherinnen und Besucher immer wieder neu formiert.
Mit dem Programm 2026 positioniert sich das mumok als Ort des bewussten Sehens – als Museum, das nicht Antworten liefert, sondern Beziehungen herstellt. Es lädt dazu ein, die eigene Rolle im Gefüge von Kunst, Raum und Wahrnehmung neu zu verhandeln.
20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027
www.mumok.at

Ull Hohn, Ohne Titel, 1991, 4-teilige Serie, Öl auf Holzbox , mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der Bildenden Künste, 2022 © Ull Hohn

Ull Hohn, Ohne Titel, 1991, 4-teilige Serie, Öl auf Holzbox , mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der Bildenden Künste, 2022 © Ull Hohn