Mit der Ausstellung Stabile Performance positioniert sich die Landesgalerie Burgenland einmal mehr als zentraler Ort für zeitgenössische bildende Kunst des Landes – und als Raum, in dem Kunst nicht nur gezeigt, sondern verhandelt wird. Die Galerie versteht sich als Basis, Treffpunkt und Denkraum zugleich: als Ort der Forschung, der Vernetzung und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen der Kunst. In diesem Selbstverständnis fügt sich die neue Sonderausstellung der Wiener Künstlerin Lisa Großkopf präzise ein.
Großkopfs Arbeit kreist um einen Begriff, der in unserer Gegenwart allgegenwärtig ist: Performance. Kaum ein Wort oszilliert so stark zwischen künstlerischer Praxis, ökonomischer Bewertung und individueller Selbstbeschreibung. Performance meint das einmalige, körperliche Ereignis der Kunst – ebenso wie Effizienz, Leistungsfähigkeit und Profitabilität im neoliberalen Sprachgebrauch. Stabile Performance nimmt diese Bedeutungsverschiebungen nicht nur zum Thema, sondern macht sie erfahrbar.
In ihrer experimentellen und oft humorvollen Praxis verbindet Lisa Großkopf ästhetische Setzungen mit präziser Wirklichkeitsanalyse. Ihre ortsspezifischen Installationen, performativen Eingriffe, Fotografien, Videos, Plakate und Bücher greifen ineinander und öffnen Räume, in denen sich Kunst und Alltag gegenseitig spiegeln. Wahrnehmung wird dabei nicht beruhigt, sondern irritiert – als Einladung, vermeintlich Selbstverständliches neu zu betrachten.
Ausgangspunkt der von Andrea Popelka kuratierten Ausstellung ist die Frage, wie sich die ökonomische Bedeutung von Performance – als Maßstab für Produktivität, Effizienz oder Rentabilität – zur künstlerischen Performance verhält. Und weiter: Welche Auswirkungen haben diese Bedeutungen auf unser Selbstverständnis, auf Körperbilder, auf Vorstellungen von Arbeit? Theoretische Bezüge, etwa zu Autorinnen wie Marina Vishmidt, bilden dabei einen wichtigen Resonanzraum. Vishmidt hat darauf hingewiesen, dass Performancekunst historische Entwicklungen moderner Arbeitsformen vorwegnahm, indem sie Selbst-Performance als Bewertungsmaßstab etablierte – lange bevor dieser die gesamte Ökonomie durchdrang.
Vor diesem Hintergrund untersucht Großkopf das zeitgenössische Subjekt, das sich einem endlosen Optimierungsprozess unterwirft. Besonders deutlich wird dies im Feld der Schönheit: in schmerzhaften Gesichtsbehandlungen, disziplinierten Körperpraktiken oder ritualisierten Routinen der Selbstverbesserung. Großkopf liest diese Praktiken parallel zu den extremen körperlichen Grenzerfahrungen der Performancekunst, etwa bei Marina Abramović, deren ikonische Figur in der Ausstellung als ökonomische und symbolische Projektionsfläche erscheint. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist ebenso einfach wie unbequem: Wie viel lässt sich aus einem Körper herausholen – und warum versuchen wir überhaupt, ihn so auszupressen?

Lisa Großkopf „Stabile Performance“ © Lisa Großkopf/Bildrecht Wien, 2025
Künstlerin Lisa Großkopf: „Mich beunruhigt das Versprechen der Selbstoptimierung – die Vorstellung, dass Gesundheit, Schönheit aber auch persönliches Wohlbefinden lediglich eine Frage der Willenskraft sind. Es ärgert mich maßlos, dass dabei soziale Realitäten vollends ausgeblendet werden. Das Paradoxe daran: Obwohl ich diesen Leistungskult infrage stelle, ertappe ich mich dabei, wie sehr ich ihn selbst internalisiert habe.“ Andrea Popelka, Kuratorin der Ausstellung, beschreibt den Ansatz so: „Lisa Großkopfs künstlerische Arbeiten sagen Nein zu den vielen kapitalistischen Ja, Ja, Jas, die uns täglich abverlangt werden. Außerdem betont die Künstlerin die spielerische und kollaborativen Komponenten der Performancekunst als Partitur, die sich verbreiten kann und für Aneignung offen ist.“ Birgit Sauer, künstlerische Leiterin der Landesgalerie Burgenland, über die Künstlerin: „Lisa Großkopf hinterfragt alles – kompromisslos. Sie setzt ihren eigenen Körper genauso schonungslos ein, wie sie künstlerische und gesellschaftliche Strukturen offenlegt und seziert. Gleichzeitig tragen ihre Kunst und ihre Reflexionen eine bemerkenswerte Leichtigkeit, die den Zugang öffnet und die Schärfe ihrer Analysen noch sichtbarer machen.“

Lisa Großkopf, upsidedown (aus der Serie Quitting Smoking Might Be Easier) ©) Lisa Großkopf/ Bildrecht Wien, 2026
Ein zentrales Anliegen der Ausstellung ist es, die materiellen Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen Kunst entsteht. Großkopf eignet sich Formen von Arbeit mimetisch an oder übt sie selbst aus – etwa als Museumsaufsicht. Durch diese Verschiebungen legt sie strukturelle Ungleichheiten offen: zwischen künstlerischer Arbeit und institutioneller Infrastruktur, zwischen Autorinnenschaft/Autorenschaft und delegierter Tätigkeit. Welche Vorstellungen von Arbeit produziert das Kunstfeld – und wie wirken sie zurück auf gesellschaftliche Arbeitsverhältnisse? Wer wird sichtbar, wer bleibt unsichtbar?
Diese Fragen kulminieren während der Eröffnungstage in einer performativen Intervention: In Anlehnung an Marina Abramovićs und Ulays Imponderabilia von 1972 bilden zehn Performerinnen und Performer einen schmalen Durchgang, den die Besucherinnen und Besucher passieren müssen. Anders als beim historischen Vorbild werden hier jedoch auch die Stimmen der Performerinnen und Performer selbst hörbar. Ihre Aussagen über Arbeitsbedingungen, Bezahlung und Autorenschaft verleihen der Performance eine kritische wie humorvolle Schärfe und machen Ausbeutungsmechanismen ebenso sichtbar wie die Ambivalenzen kollektiver Produktion.
Gleichzeitig reflektiert die Ausstellung die institutionelle Einbindung von Performancekunst selbst: als zeitbasiertes, körpergebundenes Medium, das im Museum archiviert, vermittelt und letztlich auch kommodifiziert wird. Ein Shop am Ende des Rundgangs treibt diese Reflexion augenzwinkernd weiter und unterläuft die vermeintlich klare Trennung zwischen Ausstellungsraum und Verkaufsfläche.
Stabile Performance ist eine präzise und vielschichtige Auseinandersetzung mit einem Begriff, der unsere Gegenwart strukturiert. Die Ausstellung macht sichtbar, wie tief Performance als Leistungslogik in Körper, Arbeit und Selbstbilder eingeschrieben ist – und lädt dazu ein, diese Logik nicht nur zu erkennen, sondern ihr auch kritisch zu begegnen.
28. Februar bis 10. Mai 2026
https://landesgalerie-burgenland.at






