Im Herbst 1956 wurde Österreich zum Zufluchtsort für Hunderttausende Ungar:innen. Der Volksaufstand gegen das kommunistische Regime und die sowjetische Besatzung wurde blutig niedergeschlagen – doch an der österreichischen Grenze entstand eine Welle der Hilfsbereitschaft. Die Österreichische Nationalbibliothek erinnert im Prunksaal an ein Kapitel europäischer Geschichte, in dem Menschlichkeit keine abstrakte Idee blieb, sondern konkrete Hilfe bedeutete.
Es beginnt mit Hoffnung. Im Oktober 1956 gehen in Ungarn Menschen auf die Straße, zunächst friedlich, getragen vom Wunsch nach politischer Freiheit und dem Ende der sowjetischen Vorherrschaft. Was als Volksaufstand beginnt, wird innerhalb weniger Tage zu einem dramatischen Wendepunkt der europäischen Nachkriegsgeschichte. Am 4. November marschieren sowjetische Truppen erneut in Ungarn ein und schlagen den Aufstand mit militärischer Gewalt nieder.

Grenzstation Hegyeshalom-Nickelsdorf während des Aufstandes, Harry Weber, 1956 © Österreichische Nationalbibliothek
Für Zehntausende bedeutet die Eskalation nur noch eines: Flucht. Rund 200.000 Ungar:innen verlassen ihre Heimat und machen sich auf den Weg Richtung Westen. Österreich, selbst erst wenige Jahre zuvor wieder ein souveräner Staat geworden und im Kalten Krieg neutral, öffnet seine Grenze. In kurzer Zeit werden aus Grenzregionen Orte der Zuflucht, aus Bahnhöfen Ankunftsorte und aus improvisierten Unterkünften Aufnahmelager.
Die Hilfsbereitschaft ist groß. Privatpersonen, Hilfsorganisationen und staatliche Stellen organisieren Lebensmittel, Kleidung und Unterkünfte. Menschen, die selbst noch die Entbehrungen der Nachkriegszeit kennen, helfen den Flüchtenden. Österreich wird damit zu einem wichtigen Schauplatz internationaler Solidarität.
Eine besondere Kraft entwickelt dabei das Bild. Zeitungen und Nachrichtenagenturen berichten über die Ereignisse, Fotograf:innen dokumentieren die Ankunft der Flüchtlinge, die Zustände an der Grenze und die Hilfsaktionen. Bilder aus den Aufnahmelagern und den Grenzregionen verbreiten sich international und machen das Schicksal der Ungar:innen sichtbar. Fotografie wird zum Medium, das Distanz überwindet: Plötzlich bekommen politische Ereignisse Gesichter.

Flucht über den Einser-Kanal bei Pamhagen, Harry Weber, 1956 © Österreichische Nationalbibliothek
Genau hier setzt die Ausstellung „Brücke der Menschlichkeit. Österreich und der Ungarnaufstand 1956“ im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek an. Die Institution bewahrt einen umfangreichen fotografischen Bestand zu den Ereignissen des Jahres 1956. Eine Auswahl bislang wenig bekannter Aufnahmen eröffnet nun einen unmittelbaren Blick auf jene Wochen, in denen sich an Österreichs Grenze Weltgeschichte und menschliches Schicksal begegneten.
Die Fotografien erzählen nicht nur vom politischen Umbruch. Sie zeigen Menschen auf der Flucht, erschöpfte Familien, improvisierte Lager und jene, die ihnen zur Seite standen. Gerade in dieser Nähe liegt ihre historische Kraft. Sie machen aus einer abstrakten Zahl – 200.000 Geflüchtete – individuelle Geschichten.
Sechzig Jahre später erinnern die Bilder daran, dass Geschichte nicht ausschließlich in Regierungserklärungen, Verträgen und militärischen Entscheidungen geschrieben wird. Sie entsteht auch dort, wo Menschen eine Grenze überschreiten müssen und andere entscheiden, sie willkommen zu heißen. Der Titel der Ausstellung ist deshalb mehr als eine historische Beschreibung. Die „Brücke der Menschlichkeit“ steht für einen Moment, in dem Österreich selbst zur Brücke zwischen Flucht und Sicherheit wurde. In einer Gegenwart, in der Fragen von Migration, Grenzen und politischer Verantwortung erneut die europäischen Gesellschaften beschäftigen, gewinnen die Fotografien von 1956 eine bemerkenswerte Aktualität.
14. Oktober 2026 bis 10. Jänner 2027
www.onb.ac.at

Spendensammeln vor der Wirtschaftskammer, Alfred Cermak, 1956 © Österreichische Nationalbibliothek






