Ein Mensch auf der Suche nach Gewissheit – und eine Welt, die ihm keine einfachen Antworten mehr gibt. Mit Hector Berlioz’ „La Damnation de Faust“ bringt die Oper Graz ab 26. September 2026 ein Werk auf die Bühne, das bereits bei seiner Entstehung die Grenzen zwischen Oper, Oratorium und Sinfonie sprengte. Inspiriert von Goethes „Faust I“, entwirft Berlioz 1846 kein klassisches Bühnendrama, sondern eine rauschhafte Folge von Visionen: Höllische Abgründe treffen auf himmlische Klänge, dämonische Chöre auf intime Momente – und ein einzelner Mensch verliert sich zunehmend in den Widersprüchen seiner Existenz. Nach der gefeierten Produktion von Berlioz’ „Les Troyens“, die von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einer der zehn besten Produktionen des Jahres 2025 gewählt wurde, setzt die Oper Graz ihre Auseinandersetzung mit dem französischen Klangvisionär fort.
Berlioz, einer der großen musikalischen Exzentriker des 19. Jahrhunderts, nimmt Goethes Mythos auseinander und setzt ihn aus grell leuchtenden Einzelbildern neu zusammen. Aus dem philosophischen Faust wird eine zutiefst romantische Künstlertragödie – maßlos, sinnlich und von einer Musik getragen, die bis heute überwältigt.
Im Zentrum steht Faust, dessen Sehnsucht nach Erkenntnis und einem erfüllten Leben ihn immer weiter aus der vertrauten Ordnung herausführt. An seiner Seite stehen Marguerite, deren Liebe und Verletzlichkeit zum emotionalen Mittelpunkt des Geschehens werden, und Méphistophélès, der Verführer und dämonische Gegenspieler. Was als Suche nach Sinn beginnt, entwickelt sich zu einer Reise, die schließlich in die Katastrophe führt.
Regisseur Lorenzo Fioroni, der an der Oper Graz zuletzt Benjamin Brittens „War Requiem“ inszenierte, nähert sich Berlioz’ Werk nicht als nostalgischem Faust-Spektakel. Für ihn wird „La Damnation de Faust“ zu einem Erkenntnisspiel über die Gegenwart. Fausts Wunsch nach Einfachheit und klarer Orientierung trifft auf eine Welt, die zunehmend von Überforderung, Widersprüchen und Komplexität geprägt ist. Der mythische Stoff wird damit zum Spiegel einer Gegenwart, in der eindeutige Antworten immer schwerer zu finden sind.
Fioroni begreift Berlioz’ eigenwillige Komposition als sinnliches Denkexperiment. In einer Rauminstallation des mehrfach ausgezeichneten Bühnenbildners Sebastian Hannak soll eine Welt entstehen, die ebenso instabil und widersprüchlich erscheint wie Fausts innere Verfassung. Berlioz’ Musik liefert dafür den eigentlichen Motor: Sie kann überwältigend, grotesk, zart, dämonisch und entrückt sein – manchmal innerhalb weniger Takte.
Am Pult der Grazer Philharmoniker stehen Johannes Braun und Stefan Birnhuber. In den zentralen Rollen sind Pavel Petrov als Faust, Anna Brull als Marguerite und Nikita Ivasechko als Méphistophélès zu erleben.
So wird „La Damnation de Faust“ in Graz zu einer Begegnung zwischen romantischer Höllenvision und moderner Orientierungslosigkeit. Berlioz’ Faust sucht die Wahrheit und findet stattdessen immer neue Abgründe. Vielleicht liegt gerade darin die Aktualität dieses Werkes: Nicht die Hölle ist das eigentliche Problem – sondern der Wunsch, eine komplizierte Welt mit einfachen Antworten zu erklären.
Premiere: 26. September 2026
Weitere Vorstellungen: 30. September, 8. und 14. Oktober, 1., 14. und 22. November sowie 13. Dezember 2026
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