Zwei Texte beschreiben im Abstand von 120 Jahren, wie gesellschaftliche Konventionen über die Rolle der Frau in menschliche Beziehungen bestimmen.

An diesem Abend stehen zwei Texte im Zentrum, in denen sich die Geschichte zweier Frauen aus zwei Jahrhunderten spiegelt – aus der Gegenwart und dem 19. Jahrhundert. In der herzergreifenden Geschichte von Theodor Fontane steht die junge Effi Briest im Zentrum, die viel zu früh einen zu alten Mann heiratet, sich einsam auf seinem Landgut wiederfindet und einen anderen Mann kennenlernt, der Esprit und ein neues Leben verspricht. Beide versagen sich ihr Liebesglück und bleiben bei ihren Familien, doch die gesellschaftlichen Normen des 19. Jahrhunderts holen sie trotzdem ein: Effis Mann findet eines Tages die gesammelten Liebesbriefe und fordert seinen Rivalen zum Duell. Von ihrem Mann und von ihrer Familie verstossen, geht sie in Einsamkeit zugrunde.
Dem gegenüber steht die Erzählung Der junge Mann der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. Man sieht hier in unserer Gegenwart eine Frau in mittleren Jahren, die ein Verhältnis mit einem deutlich jüngeren Mann eingeht – aus purer Lust und Sympathie, aber auch um sich selbst jünger zu fühlen, eine „zweite Jugend” zu erleben. Doch ihre eigene Vergangenheit lässt sie nicht los: Erinnerungen aus Liebesbeziehungen mit Männern aus ihrer eigenen Lebensgeschichte werden wieder wach. Und diese Bilder sind stärker als das, was sie mit ihrem aktuellen Liebhaber erlebt. Zugleich ist die intime Episode etwas Politisches, denn die Konstellation „ältere Frau mit jüngerem Mann” löst auf der Strasse, in den Restaurants und Bars fast ständig böse Blicke, wütende Reaktionen aus.
Effi Briest ist eine grosse Liebes- und Ehegeschichte, die angesichts des unerbittlichen Korsetts der Konventionen tragisch enden muss. Der junge Mann ist ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben der Geschlechter, für Unabhängigkeit, für das Überwinden von Rollenbildern. Beide Texte erzählen von Liebe, die zwischen gesellschaftlichen Zwängen und den persönlichen Sehnsüchten und Zweifeln der Liebenden scheitern – und nicht zuletzt davon, wie sehr auch nach jahrhundertelangem gesellschaftlichem Wandel das Privateste immer noch vom Öffentlichen bestimmt wird.
Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als „Ethnologin ihrer selbst”. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermassen gefeiert worden. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Nobelpreis für Literatur.
Premiere: 20. Januar 2024
weitere Aufführungen: 31. Januar; 21. Februar und 7. März 2024

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