Das WAM präsentiert das umfangreiche Werk der vier Vertreter des Wiener Aktionismus: Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch Und Rudolf Schwarzkogler zwischen 1957 Und 1973. Die Eröffnungsausstellung wird einen ersten Überblick zur gesellschaftspolitischen und kulturwissenschaftlichen Bedeutung des Wiener Aktionismus bieten.

Eine der wichtigsten Kunstrichtungen Österreichs nach 1945 wird mit der Gründung des neuen Wiener Aktionismus Museums (WAM) erstmals dauerhaft gewürdigt. Das Museum geht auf eine Initiative von privaten Sammlern zurück. Mit dem Erwerb der Sammlung Friedrichshof im Jahre 2022, bestehend aus einem der größten Bestände von Werken des Wiener Aktionismus, verpflichteten sich Reza Akhavan, Jürgen Boden, Daniel Jelitzka, Philipp Konzett, Dirk Ströer und Christian Winkler, diese kunsthistorisch bedeutende Sammlung als Einheit langfristig zu bewahren und in ein Museum zu überführen.
Mit dem WAM soll der kulturgeschichtliche Einfluss des Wiener Aktionismus zur Entwicklung der performativen Künste weltweit aufgezeigt werden. Damit der Betrieb des WAM über Jahre auch langfristig gesichert bleibt, engagieren sich neben den Initiatoren noch weitere Persönlichkeiten als finanzielle und ideelle Träger des Museums.

Die Sammlung
Das Museum wird die umfassenden Bestände der Wiener Aktionismus Sammlung in jährlich wechselnden Ausstellungen präsentieren und diese auch in Relation zu zeitgenössischen Positionen setzen. Derzeit werden die Werke neu inventarisiert, um diese sehr komplexe und radikale Kunstbewegung auch wissenschaftlich weiter aufzuarbeiten. Die weltweit grösste Sammlung des Wiener Aktionismus Museums umfasst das vielfältige Oeuvre der vier Hauptprotagonisten: Günter Brus (geb. 1938), Otto Muehl (1925–2013), Hermann Nitsch (1938–2022) und Rudolf Schwarzkogler (1940–1969) von 1957–1973. Ergänzt wird die Sammlung durch Frühwerke von Adolf Frohner und Alfons Schilling, die einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung des Wiener Aktionismus hatten.
Die Sammlung, die auch über ein umfangreiches Archivmaterial verfügt, soll für die Forschung nutzbar und zugänglich gemacht werden. Sie besteht aus Collagen, Siebdrucken, Plakaten, Foto- und Filmarbeiten. Das Museum wird die Sammlung sowohl in Dauer- als auch Wechselausstellungen einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen, ergänzt durch internationale Leihgaben und zeitgenössische Beiträge.
Das WAM setzt sich zum Ziel, in der internationalen Kunst- und Museumswelt zentraler und dauerhafter Präsentations-Ort für den Wiener Aktionismus zu werden. Bereichert wird das eigene Ausstellungsspektrum auch durch Kooperationen mit unter anderem dem Nitsch Museum und Leihgaben aus internationalen Museen und Institutionen.

Die Aktivisten
Günter Brus
Geboren am 27. September 1938 in Ardning in der Steiermark, ist Brus der einzige noch lebende Künstler des Wiener Aktionismus.
Als Absolvent der Grazer Kunstgewerbe Schule, realisiert Brus 1964 mit „Ana“ seine erste Aktion, bei der der menschliche Körper als künstlerisches Material eingesetzt wird. Damit erfolgt der Übergang vom Informell zu den sogenannten „Selbstbemalungen“. Auf diese folgen 1965 die „Selbstverstümmelungen“, bei denen Brus seinen eigenen Körper als künstlerisches Material verwendet. Am 5. Juli 1965 findet sein aufsehenerregende „Wiener Spaziergang“ statt. 1966 nimmt er am „Destruction in Art Symposium“ in London teil. Nachdem Brus wegen der Aktion „Kunst und Revolution“ 1968 zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt wird, flieht er 1969 nach Berlin. Seine letzte und radikalste Aktion „Zerreissprobe“ findet 1970 in München statt. Danach folgt die Rückkehr zur Zeichnung und seinem lyrischen Werk.

Günter Brus, Selbstbemalung II, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Günter Brus, Selbstbemalung II, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Otto Muehl
Otto Muehl wird am 16. Juni 1925 in Grodnau im Burgenland geboren. 
Im Sommer 1944 wird Muehl an die Front geschickt. Die traumatischen Erlebnisse im Kriegsgeschehen haben ihn nachhaltig geprägt. 1952 schliesst er die Lehramtsprüfung für Deutsch und Geschichte ab und beginnt ein Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien Kunstpädagogik.1960 findet seine erste Einzelausstellung in der Galerie Junge Generation statt. Ab 1964 konzentriert sich Muehl auf die Umsetzung seines aktionistischen Werkes, mit dem er durch den Einsatz menschlicher Körper, sowie der Inszenierung von Sexualität, Tod und Geburt, gesellschaftlich verdrängte Aspekte der menschlichen Natur enttabuisieren wollte. Muehl ist einer der Teilnehmer an „Kunst und Revolution“ am 7. Juni 1968 an der Universität Wien.
1972 gründet er die Aktionsanalytischen Organisation, die AAO Kommune am Friedrichshof. 1988 löst sich die Kommune am Friedrichshof. Gegen Muehl wird für den sexuellen Missbrauch und die Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen angeklagt.
1991 wird er zu 7 Jahre Haft „wegen Sittlichkeitsdelikten, Unzucht mit Minderjährigen bis hin zur Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung“ zu sieben Jahren Haft. Im Gefängnis entsteht ein umfangreiches malerisches und literarisches Werk. Otto Muehl stirbt 2013 in Portugal.

Otto Muehl, Materialaktion Nr. 19, Bodybuilding, 1965, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Otto Muehl, Materialaktion Nr. 19, Bodybuilding, 1965, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Hermann Nitsch
Hermann Nitsch wird am 29. August 1938 in Wien geboren. Von 1957 bis 1957 studiert er an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Als knapp Zwanzigjähriger entwickelt er das umfassende Konzept zu seinem Gesamtkunstwerk des Orgien Mysterien Theaters, das sein Lebenswerk bestimmen sollte. In diesem will er alle Aspekte des Lebens ansprechen und vereinte darunter auch die schmerzhaften, leid- und gewaltvollen, um diese in eine künstlerische Form zu bringen.
1960 finden seine ersten Malaktionen vor Publikum im Technischen Museum in Wien statt. 
1962 kommt erstmals reales Tierblut als künstlerisches Material zum Einsatz. Von 1960 bis 1979 verwendet Nitsch für seine Malerei ausschließlich die Farbe Rot. Ende der 1960er-Jahre entwickelt er die Farbenlehre des Orgien Mysterien Theaters.
1971 wird Schloss Prinzendorf der zentraler Austragungsort für das Orgien Mysterien Theater.
Ab 1975 findet in Prinzendorf das erste 24 Stunden Spiel statt. 1984 ein Drei-Tage-Spiel und 1998 das Sechs-Tage-Spiel. Insgesamt realisiert Nitsch 160 Aktionen und 96 Malaktionen. 2005 setzt Nitsch seine 122. Aktion im Burgtheater in Wien um.
In seinem Spätwerk konzentriert sich Nitsch neben der Weiterentwicklung seiner Musik und dem Aktionstheater, wieder verstärkt auf die Malerei. 2021 inszeniert er eine groß angelegte Malaktion zur „Walküre“ der Bayreuther Festspiele. Am 18. April 2022 stirbt er nach schwerer Krankheit in Mistelbach.

Hermann Nitsch, 4. Aktion, 1963, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Hermann Nitsch, 4. Aktion, 1963, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Rudolf Schwarzkogler
Rudolf Schwarzkogler wird am 13. November 1940 in Wien geboren. 
Ab 1957 studiert er an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, die er 1961 ohne Abschluss wieder verlässt. 1963 leistet er Wehrdienst. 1964 nimmt er als Akteur an der Materialaktion „Luftballonkonzert“ von Otto Muehl in dessen Kelleratelier in der Perinetgasse in Wien teil. 1965 ist er Akteur bei Hermann Nitschs 7. und 8. Aktion. Am 6. Februar 1965 führt er seine erste eigene Aktion „Hochzeit“ durch.
Zwischen 1968 und 1969 setzt sich der Künstler immer intensiver mit spirituellen Lehren und Praktiken des Ostens auseinander. In diesem Zusammenhang betreibt er ohne ärztliche Aufsicht exzessive Fastenkuren, die ihn physisch wie psychisch stark belasten. Zunehmend beschäftigt sich Schwarzkogler mit der Relativität des Wahrnehmbaren.
Am 20. Juni 1969 stürzt Schwarzkogler aus dem Fenster seiner Wohnung und erliegt unmittelbar darauf seinen Verletzungen.

Rudolf Schwarzkogler, Gekreuzigter, 1962, Tinte und Ölkreide auf Holz, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Rudolf Schwarzkogler, Gekreuzigter, 1962, Tinte und Ölkreide auf Holz, Foto: Ludwig Hoffenreich © WAM Wiener Aktionismus Museum

Ab 14. März 2024
www.wieneraktionismus.at

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