Sprache ist Macht. Sie strukturiert unsere Wahrnehmung, bestimmt Zugehörigkeit und grenzt aus. Schon Ludwig Wittgenstein erkannte: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Wie aktuell diese Einsicht ist, zeigt eindrucksvoll die Sonderausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek: „Die Macht der Worte. Herrschaft und kulturelle Vielfalt im antiken Ägypten“.

Mehr als 90 Exponate – fragile Originale auf Papyrus, Pergament und Papier – beleuchten die sprachliche Vielfalt Ägyptens von etwa 1500 v. Chr. bis 1000 n. Chr. In dieser langen Zeitspanne überlagerten sich unterschiedliche Sprachen: Ägyptisch und Griechisch, Latein, Koptisch und Arabisch. Sie existierten nebeneinander, verdrängten einander, verbanden sich neu – und schufen eine kulturelle Landschaft, die durch Mehrsprachigkeit und Hybridität geprägt war. Besonders deutlich wird dies im Spannungsfeld zwischen Herrschern und Beherrschten. Während Alexander der Große und die Ptolemäer Griechisch zur Sprache der Verwaltung machten, kommunizierte die Bevölkerung weiterhin auf Ägyptisch. Unter den Römern kam Latein hinzu, blieb jedoch auf die militärische und politische Elite beschränkt. Später verdrängte Arabisch das Griechische, während Koptisch in religiösen Kontexten weiterlebte. Die Dokumente der Ausstellung – Herrscherbriefe, Petitionen, Rechtsurkunden – machen sichtbar, wie sich Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg gestaltete und wie Sprache politische Legitimität sicherte.

Griechisch-demotischer Ehevertrag, D 10099b – Demotisch, Griechisch – Soknopaiu Nesos, 8. März 142 v. Chr. – Papyrus © Österreichische Nationalbibliothek

Griechisch-demotischer Ehevertrag, D 10099b – Demotisch, Griechisch – Soknopaiu Nesos, 8. März 142 v. Chr. – Papyrus © Österreichische Nationalbibliothek

Doch Sprache war nicht nur Werkzeug der Macht. Sie war auch Trägerin von Identität und Glauben. Magische Amulette, Zauberformeln und religiöse Handschriften zeigen, wie Worte als heilbringende oder schützende Kräfte verstanden wurden. In den Texten der Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam spiegelt sich zudem das Ringen um die unverfälschte Überlieferung des göttlichen Wortes.
Die Ausstellung zieht Parallelen zur Gegenwart: Multiethnische, vielsprachige Gesellschaften sind kein modernes Phänomen. Schon im antiken Ägypten bestimmten sie Alltag und Kultur. Wer die Papyrusfragmente liest, erkennt in ihnen nicht nur Zeugnisse vergangener Zeiten, sondern auch Spiegelungen unserer eigenen Gegenwart – geprägt von Migration, kulturellem Austausch und der Frage, wie Sprache Machtstrukturen prägt.
„Die Macht der Worte“ ist damit mehr als eine historische Schau. Sie ist eine Einladung, über Sprache als Grundlage von Identität, Herrschaft und Verständigung nachzudenken – und zu entdecken, wie zeitlos dieses Thema ist.
12. Juni 2025 bis 3. Mai 2026
www.onb.ac.at

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