Die Moderne wird oft als radikaler Aufbruch erzählt: ein Abstreifen alter Konventionen, eine neue Bildsprache, die den Menschen in seiner innersten Zerrissenheit zeigt. Doch der große Bruch war in Wahrheit auch ein Blick zurück. Künstlerinnen und Künstler wie Edvard Munch, Käthe Kollwitz, Max Beckmann oder Paula Modersohn-Becker fanden ihre Inspiration nicht in den akademischen Traditionen des 19. Jahrhunderts, sondern in den kraftvollen, oft rauen Ausdrucksformen der Gotik. Die große Herbstausstellung der ALBERTINA, „Gothic Modern“, macht diese überraschende Verbindung sichtbar – und lädt zu einem Dialog zwischen Jahrhunderten ein.
Rund 200 Werke zeigen, wie das Pathos und die Unmittelbarkeit spätmittelalterlicher Kunst die Moderne prägten. So spiegeln sich in Munchs Figuren dieselben existenziellen Fragen, die auch Cranach oder Holbein bewegten: Liebe und Tod, Glaube und Zweifel, Hoffnung und Verzweiflung. Kollwitz knüpft mit ihren kraftvollen Holzschnitten nicht nur formal, sondern auch inhaltlich an die mittelalterliche Bildsprache an – Schmerz, Trauer und die Erfahrung von Verlust werden in ihren Blättern so direkt fühlbar wie in den ausdrucksstarken Skulpturen einer gotischen Pietà.

Vincent van Gogh, Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette, 1886 Öl auf Leinwand, Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
Die Ausstellung macht deutlich, dass die Gotik in den Augen der Moderne nicht museal und vergangen war, sondern brennend aktuell. Ihre radikale Emotionalität, ihre formale Strenge, ihre intensive Symbolik boten eine Projektionsfläche für Künstler:innen, die das Unverstellte suchten. Wien, um 1900 ein bedeutender Knotenpunkt, war ein besonders fruchtbarer Boden für diese Strömung: In der Secession begegneten internationale Positionen einander, von Akseli Gallen-Kallela über Helen Schjerfbeck bis zu Edvard Munch, die mit Gustav Klimt oder Egon Schiele in Austausch traten.
„Gothic Modern“ zeigt nicht nur thematische Parallelen, sondern auch eine bewusste Wiederentdeckung mittelalterlicher Techniken: Glasfenster, Tapisserien oder Holzschnitte wurden von Künstler:innen neu interpretiert und in die Gegenwart getragen. Statt nostalgischer Romantisierung oder nationaler Vereinnahmung, wie sie der Historismus kannte, stand nun die ästhetische Kraft der Gotik selbst im Zentrum – eine Kunst, die das Innerste berührte und die Moderne lehrte, Seelenzustände sichtbar zu machen.
Die ALBERTINA verwebt in dieser großangelegten Ausstellung Meisterwerke der Gotik mit Schlüsselwerken der Moderne. Sie zeigt, dass die Kunstgeschichte weniger aus Brüchen als aus Resonanzen besteht – und dass der Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart oft produktiver ist als jede Abgrenzung.
19. September 2025 bis 11. Jänner 2026
www.albertina.at

Akseli Gallen-Kallela, Lemminkäinens Mutter, 1897 Tempera auf Leinwand, Finnish National Gallery / Ateneum Art Museum, Antell Collections, Helsinki © Foto: Finnish National Gallery / Hannu Pakarinen






