Zwischen Traum und Trauma, Körper und Maschine, Schönheit und Verstörung entfaltet sich im Max Ernst Museum Brühl die faszinierende Einzelausstellung der britischen Künstlerin Marianna Simnett (*1986). Unter dem Titel „Headless“ lädt sie Besucherinnen und Besucher zu einer Expedition ins Unbewusste der Gegenwart ein und setzt das radikale Erbe des Surrealismus in die heutige Welt. Simnett gehört zu den herausragenden Stimmen ihrer Generation: In ihrem Werk verschwimmen Disziplinen, Identitäten und Wahrnehmungszustände, Grenzen zwischen Menschlichem, Maschinellem und Virtuellem lösen sich auf.
Die Ausstellung vereint neue Arbeiten mit Schlüsselwerken der vergangenen Jahre. Video, Skulptur, Malerei, Klang und KI-gestützte Prozesse verschmelzen zu einem labyrinthartigen Gesamterlebnis, in dem sich Sinneseindrücke überlagern und vertraute Ordnungen auflösen. Der Mensch wird hier zum posthumanen Wesen: Körper erscheinen fragil, Haut wie Membran, Stimme wie Echo, Denken wie Algorithmus. Simnett konfrontiert das Publikum mit einer Welt, in der das Vertraute fremd, das Bekannte unheimlich wird – eine ästhetische Erfahrung, die verstört und fasziniert zugleich.
Der Titel „Headless“ ist eine bewusste Referenz auf Max Ernsts legendären Collageroman La femme 100 têtes (1929). Wie Ernst setzt auch Simnett disparate Elemente zu neuen, unheimlichen Konstellationen zusammen: Mischwesen, algorithmische Schatten, künstliche Körper und mythische Anspielungen bevölkern ihre Bildwelten. Wo Ernst die Collage als Befreiungstechnik nutzte, arbeitet Simnett mit digitalen Verfahren und KI. Ihr „kopfloser“ Blick ist analytisch und sinnlich zugleich, traumhaft und rational, hinterfragt Identität in einer Ära, in der Subjektivität und Maschine, Innen- und Außenwelt, Intuition und Algorithmus untrennbar miteinander verbunden sind.

Marianna Simnett, Headless #1, 2025, Öl auf Leinwand, Courtesy the artist und Société, Berlin, Foto: Thomas Müller
Besonders eindrucksvoll sind die für Brühl geschaffenen Gemälde, in denen sie direkt auf Femme 100 têtes Bezug nimmt. Die Arbeiten sind visuelle Allegorien auf Macht, Kontrolle, Begehren und die Fragilität des menschlichen Körpers. Gleichzeitig spiegeln sie die heutige Auseinandersetzung mit Technik und künstlicher Intelligenz: Die Realität wird fragmentiert, aufgelöst und neu zusammengesetzt. Jede Installation, jedes Video, jeder Klangraum ist ein Versuch, die Grenzen von Kunst und Leben, Kontrolle und Auflösung, Traum und Wirklichkeit auszuloten.
„Headless“ ist eine Reise durch Spiegelungen, Fragmente und Echos – ein posthumanes Surrealismus-Erlebnis, das die Besucherinnen und Besucher staunen lässt, irritiert und zugleich inspiriert. Im Max Ernst Museum Brühl, einem Ort, der seit jeher Fantasie, Illusion und Bewusstsein vereint, spannt Simnett ein Jahrhundert künstlerischer Imagination zwischen den Visionen Ernsts und der digitalen Gegenwart auf. Das Ergebnis ist ein Werk, das nicht nur das Auge fordert, sondern auch die Vorstellungskraft herausfordert: Was liegt hinter der sichtbaren Oberfläche – und was bedeutet es, heute Mensch zu sein?
31. Januar bis 5. Juli 2026
www.maxernstmuseum.lvr.de

Marianna Simnett, Installationsansicht, Prayers for Roadkill (Bird), 2022, © Courtesy the artist und Société, Berlin, Foto: Henning Krause





