Ein Spaziergang im Herbst, ein antikes Epos und eine globale Krise – aus diesen Zutaten formt die belgische Künstlerin Ana Torfs ihr jüngstes Werk The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves. Zu sehen ist der 28-teilige Zyklus aus Jacquard-Tapisserien nun erstmals im Rahmen der Ausstellungsreihe „Die Sammlung betrachten & An Insert by…“ in den Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien.

Die Serie „An Insert by…“ versteht sich als Einladung an zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, mit der historischen Sammlung der Akademie in Dialog zu treten. Nach den bisherigen Beiträgen bildet Torfs’ Installation die dritte Intervention – eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen barocker Malerei und textiler Gegenwartsreflexion.
Ausgangspunkt ihrer Arbeit war die Lektüre von Vergils Aeneis während der pandemischen Isolation. Beim Sammeln von Herbstlaub denkt Torfs an die Sibylle von Cumae, jene mythische Seherin, die ihre Prophezeiungen auf Blätter schrieb – Weissagungen, die der Wind durcheinanderwirbelte. Aus diesem poetischen Gleichnis entwickelt Torfs eine eigene Bildsprache: Sie trocknet das Laub zwischen den Seiten internationaler Zeitungen, fotografiert die Arrangements und lässt sie anschließend in großformatige Tapisserien übertragen, ergänzt um kurze, anaphorische Textzeilen – persönliche Denkfragmente, fragile Kommentare zur Weltlage.

Ana Torfs,The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves, Detail einer Tapisserie, 2020–2025. In Kooperation mit TextielLab, Tilburg © Foto: Ana Torfs, 2025

Ana Torfs,The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves, Detail einer Tapisserie, 2020–2025. In Kooperation mit TextielLab, Tilburg © Foto: Ana Torfs, 2025

Das Ergebnis ist ein feingliedriges Gewebe aus Natur, Sprache und Geschichte. Torfs’ Arbeiten verhandeln die Frage, wie sich im Zeitalter digitaler Informationsfluten noch Orientierung gewinnen lässt. Wie die sibyllinischen Blätter werden Nachrichtenfragmente und Gedanken durch äußere Kräfte in Bewegung gesetzt – ihre Ordnung bleibt brüchig, ihre Bedeutung mehrdeutig. So entsteht ein „lyrisches Tableau“, das zwischen privater Empfindung und globaler Verunsicherung oszilliert.
Begleitet wird Torfs’ Insert von historischen Gemälden aus den Kunstsammlungen der Akademie und Leihgaben des Kunsthistorischen Museums, die das Motiv der Sibylle in unterschiedlichen Epochen beleuchten. Diese Gegenüberstellung eröffnet neue Perspektiven auf die Darstellung weiblicher Prophetie – zwischen Inspiration und Skepsis, Autorität und Ambivalenz.

Giuseppe Maria Crespi, gen. Lo Spagnuolo, Aeneas, die Sibylle und Charon, um 1695/1697, Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Giuseppe Maria Crespi, gen. Lo Spagnuolo, Aeneas, die Sibylle und Charon, um 1695/1697, Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Die Ausstellung fügt sich in die Reihe Die Sammlung betrachten ein, die Werke aus der Zeit des Barock und der Wiener Akademie um 1800 präsentiert: von Anthonis van Dycks Selbstbildnis über Murillos Würfelspielende Knaben bis zu Rachel Ruyschs Blumenstück. Zwischen diesen Altmeistern entfalten Torfs’ Tapisserien eine subtile Spannung – als Reflex auf das Jetzt, eingewoben in den historischen Resonanzraum der Sammlung.Produziert wurde der Werkzyklus in Zusammenarbeit mit dem TextielLab des niederländischen Textielmuseums Tilburg – ein Ort, an dem handwerkliche Präzision und digitale Technologie ineinandergreifen. Diese Verbindung spiegelt Torfs’ künstlerische Haltung: das kontinuierliche Übersetzen von Text in Bild, von Vergangenheit in Gegenwart, von Denken in Material.
Mit The Day You Were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumn Leaves gelingt ihr eine poetische Meditation über Wahrnehmung, Erinnerung und Zukunftsangst – eine Einladung, inmitten des Rauschens der Gegenwart stillzuhalten und den Fäden der Geschichte nachzuspüren.
3. Oktober 2025 bis 30. August 2026
www.kunstsammlungenakademie.at

Bartolomé Esteban Murillo, Würfelspielende Knaben, 1670–1682 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Bartolomé Esteban Murillo, Würfelspielende Knaben, 1670–1682 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien