Zwei Künstler, zwei Revolutionen – und eine Ausstellung, die ein längst fälliges Gespräch zwischen ihnen ermöglicht: Mit Kirchner. Picasso widmet das Kirchner Museum Davos gemeinsam mit dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster erstmals den künstlerischen Parallelen und Gegensätzen zwischen Ernst Ludwig Kirchner und Pablo Picasso eine umfassende Gegenüberstellung.

Beide zählen zu den prägenden Gestalten der Moderne. Doch während Picasso als Wegbereiter des Kubismus gilt, der die Wirklichkeit in facettierte Formen zerlegt, steht Kirchner für die expressive Energie des deutschen Expressionismus, der das Seelenleben auf die Leinwand schleudert. In dieser Ausstellung treffen zwei künstlerische Temperamente aufeinander, deren Wege sich nie kreuzten – und die doch von ähnlichen Fragen umgetrieben waren: nach Identität, Körper, Geschlecht und der Rolle des Künstlers in einer Welt im Wandel.
Kirchner träumte schon zu Lebzeiten von einer gemeinsamen Ausstellung mit Picasso. In einem Brief an den Kunsthistoriker Curt Glaser schrieb er selbstbewusst, er erwarte eine internationale Schau, „wo Picasso und ich nebeneinander hängen sollen“. Diese Vision wird nun, fast ein Jahrhundert später, Wirklichkeit. Internationale Leihgaben aus bedeutenden Sammlungen führen die beiden Giganten der Moderne in einen spannungsvollen Dialog – einen Dialog, der weniger auf formale Vergleiche zielt als auf existenzielle Fragestellungen.

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Zwei Frauen auf der Straße, 1914, Öl auf Leinwand, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Foto: bpk / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf / Achim Kukulies

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Zwei Frauen auf der Straße, 1914, Öl auf Leinwand, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Foto: bpk / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf / Achim Kukulies

Beide Künstler suchten in radikaler Weise nach einer neuen Definition des Menschenbildes. Bei Picasso wird der Körper zum Experimentierfeld der Form, ein Ort ständiger Transformation zwischen Fragmentierung und Rekombination. Kirchner hingegen setzt auf die eruptive Geste, die den Menschen als pulsierendes Wesen inmitten einer entfremdeten Zivilisation zeigt. So unterschiedlich ihre Ausdrucksmittel auch scheinen, verbindet sie ein gemeinsames Anliegen: das Ringen um Authentizität in einer beschleunigten, von Umbrüchen geprägten Zeit.
Neben zentralen Gemälden zeigt die Ausstellung ausgewählte Skulpturen, grafische Arbeiten und Zeichnungen, die die Vielschichtigkeit beider Positionen verdeutlichen. Während Picasso die Grenzen zwischen Körper und Raum analytisch auflöst, sucht Kirchner in rhythmischen Linien und leuchtenden Farben nach einer inneren Wahrheit, die über das Sichtbare hinausgeht.
Kirchner. Picasso wird so zur Begegnung zweier Denkweisen – zwischen Analyse und Ekstase, Kopf und Körper, Form und Gefühl. Sie zeigt, dass die Moderne nicht nur von Gegensätzen lebte, sondern von Reibung: vom unablässigen Versuch, der Welt ein neues Bild zu geben.
15. Februar bis 3. Mai 2026

Pablo Picasso (1881–1973), Femme en vert, 1909, Öl auf Leinwand, Collection Van Abbemuseum, Eindhoven, Foto: Peter Cox, Eindhoven, © Succession Picasso / 2025, ProLitteris, Zurich

Pablo Picasso (1881–1973), Femme en vert, 1909, Öl auf Leinwand, Collection Van Abbemuseum, Eindhoven, Foto: Peter Cox, Eindhoven, © Succession Picasso / 2025, ProLitteris, Zurich

Ausstellungsvorschau: FARBENRAUSCH
Leuchtend, intensiv, voller Bewegung: Die Ausstellung Farbenrausch lädt dazu ein, Ernst Ludwig Kirchners Werk als sinnliches Abenteuer der Farbe neu zu entdecken. Von den kraftvollen Kontrasten seiner Berliner Jahre bis zu den vibrierenden Farbflächen der Davoser Zeit wird Farbe bei Kirchner zum Träger von Emotion, Wahrnehmung und Lebensgefühl. Doch Farbenrausch geht über das Sehen hinaus. Interaktive Stationen und anschauliche Experimente zeigen, wie Farbe entsteht – durch Licht, Material und das Zusammenspiel von Auge und Gehirn. Farben verändern sich, lösen sich auf und entstehen neu. So verbindet die Ausstellung Kunst und Wissenschaft zu einem Erlebnis, das neugierig macht und alle Sinne anspricht.
Ein inspirierender Parcours für Kunstliebhaberinnen, Kunstliebhabern, Familien und alle, die Farbe nicht nur betrachten, sondern erleben wollen.
Ab 14. Juni 2026
https://kirchnermuseum.ch

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Tanzende Mädchen in farbigen Strahlen, 1932–37, Öl auf Leinwand im Originalrahmen, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1990.

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Tanzende Mädchen in farbigen Strahlen, 1932–37, Öl auf Leinwand im Originalrahmen, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1990