Wie entsteht Identität – und wann wird Begehren sichtbar? Die Ausstellung The First Homosexuals im Kunstmuseum Basel unternimmt eine faszinierende Spurensuche in die Zeit zwischen 1869 und 1939 – eine Epoche, in der sich Kunst und Gesellschaft erstmals tastend, provozierend und poetisch zugleich dem gleichgeschlechtlichen Begehren und der Geschlechtervielfalt näherten. Rund hundert Werke – Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Arbeiten auf Papier – erzählen von Aufbruch und Ambivalenz, von intimen Blicken und codierten Gesten, von Menschen, die begannen, sich neu zu sehen.
Das Jahr 1869 markiert eine Zäsur: Zum ersten Mal taucht das Wort „homosexuell“ im deutschen Sprachraum auf – zunächst als medizinischer Begriff, bald als politische und gesellschaftliche Provokation. Was als Kategorisierung gedacht war, wurde in der Kunst zu einem Raum der Selbstbehauptung. Künstlerinnen und Künstler fanden in ihren Ateliers das, was die Gesellschaft ihnen verwehrte: Freiheit. In Porträts, Akten, Briefen und Fotografien entwarfen sie Gegenbilder zu den herrschenden Moralvorstellungen – leise, verletzlich, subversiv.
Die Ausstellung zeigt, wie queere Lebensentwürfe allmählich Form annahmen – und wie eng Kunst und Identität verflochten waren. Freundschaft wurde zum Schutzraum, der Körper zur Sprache, das Atelier zum Zufluchtsort. Zwischen den Linien und in den Blicken der Dargestellten entsteht ein unsichtbares Band: ein frühes Selbstverständnis dessen, was heute LGBTQIA+ heißt.

Gerda Wegener, Lili mit einem Federfächer, 1920, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Dänemark
Doch The First Homosexuals bleibt nicht im europäischen Kontext stehen. Die Ausstellung erweitert den Blick und zeigt, wie koloniale Machtverhältnisse Vorstellungen von Sexualität und Körper prägten – und wie Künstler:innen weltweit begannen, sich diesen Zuschreibungen zu entziehen. So entsteht ein Panorama globaler Verflechtungen, das die Entstehung neuer Identitäten als kulturellen Aushandlungsprozess begreift.
Kuratiert von Jonathan D. Katz und Johnny Willis, öffnet die Basler Adaption der Ausstellung – nach ihrer Premiere in Chicago – einen bislang wenig beleuchteten Raum der Kunstgeschichte. Internationale Leihgaben treffen auf Schätze aus der eigenen Sammlung und machen sichtbar, wie aus gesellschaftlicher Ausgrenzung kreative Selbstermächtigung erwuchs. The First Homosexuals ist damit weit mehr als eine historische Schau. Sie ist eine Einladung, das Unsichtbare zu sehen – und zu spüren, wie mutig, verletzlich und modern jene waren, die schon damals wagten, sie selbst zu sein.
7. März bis 2. August 2026
www.kunstmuseumbasel.ch















