In einem Meer von Blau entfaltet sich das Werk von Laure Pigeon neu: Die Ausstellung Infiniment Bleu führt in die spiralförmigen Linien und fließenden Farbräume einer Künstlerin, die jenseits des Gewohnten erschuf.

Die Französin Laure Pigeon  begann erst im Alter von 53 Jahren damit zu zeichnen – und hinterließ ein unvergleichliches Werk von rund vierhundert Zeichnungen, vielen entstanden unter dem Einfluss spiritistischer Praktiken. Ihre Hand löste sich vom Gewohnten, strich mit Tinte über Papier und liess Linien sich aufrollen, verschlingen, Wörter und Bilder mischen, als seien sie Träume, die sichtbar wurden. In der ersten Phase dominieren geschwungene Linien, Textfäden und dichte Netzgeflechte – als habe die Künstlerin Fäden ihres Unbewussten ausgelegt und verfolgt. In der zweiten Phase, ab circa 1953, breitet sich das Blau in allen Tönen aus – von Himmelblau bis Tiefschwarz. Dieses Blau wird zum Raum, zur Stimmung, zur Meditation, zur Spur eines universellen Raumes.

Die Ausstellung in der Collection de l’Art Brut in Lausanne zeigt diese selten gezeigten Arbeiten – darunter auch bislang unbekannte Blätter –, und lädt dazu ein, Laure Pigeon nicht nur als historische Randgestalt zu sehen, sondern als eine Künstlerin, deren Werk kraftvoll, konsequent und eigenständig ist. In ihren Zeichnungen findet sich keine Suche nach Anerkennung, sondern ein anderes Ziel: eine Art Erlösung, ein Rückgriff auf Erinnerungen, eine Versöhnung mit sich selbst und anderen, eine Rückkehr zu jener Hand, die schlicht dem Blatt folgt.

Wer durch diese Ausstellung geht, spürt, wie das Papier zur Raum- und Erlebnisfläche wird. Das Blau wirkt nicht mehr nur als Farbe, sondern als dichter Zustand: Es trägt, umschliesst, schweigt, spricht. Laure Pigeon lehrt uns, dass Kunst keine Frage der Technik allein ist, sondern eine des Zustands, eines Übergangs, einer Empfindung – und dass in einfachsten Mitteln eine Welt verborgen liegen kann, so weit wie das Unbewusste und zugleich so nah wie unser Tangible.

In Infiniment Bleu finden wir ein Werk, das uns still-und nachhaltig berührt, und im Gedächtnis bleibt – als Lichtspur, als Linie, als Blau, das sich endloser stellt, als Kunst, die sich nicht festhalten, nur erahnen lässt.
10. Oktober 2025 bis 1. Februar 2026

lausannemusees.ch