Wenn in Regensburg die Pfingstglocken läuten, wird die UNESCO-Welterbestadt zum Resonanzraum einer musikalischen Zeitreise: Vier Tage lang erklingen in Kirchen, Klöstern und Sälen Werke aus fast sechs Jahrhunderten – vom Mittelalter bis zur Romantik. Die Tage Alter Musik Regensburg, eines der renommiertesten Festivals für historische Aufführungspraxis, feiern vom 22. bis 25. Mai 2026 ihre 41. Ausgabe – und beweisen einmal mehr, dass alte Musik nichts Vergangenes, sondern ein lebendiges Kulturerbe ist.

Wie jedes Jahr eröffnet das Festival mit einem musikalischen Gruß aus der eigenen Stadt: Die Regensburger Domspatzen gestalten unter Christian Heiß das traditionelle Auftaktkonzert in der Dreieinigkeitskirche. Gemeinsam mit Musica Florea Prag spannen sie einen leuchtenden Bogen von Carl Maria von Weber bis Felix Mendelssohn Bartholdy – romantische Klangfülle im Dialog mit historischer Instrumentierung. Schon am ersten Abend öffnet sich das Festival für das Ungewohnte: Das französische Ensemble Irini konfrontiert in der Dominikanerkirche Renaissancepolyphonie mit georgisch-orthodoxen Gesängen – eine Begegnung von Abend- und Morgenland, von klanglicher Klarheit und spiritueller Tiefe.

Die Regensburger Domspatzen © Michael Vogl

Die Regensburger Domspatzen © Michael Vogl

Der Samstag zeigt, wie vielfältig „Alte Musik“ klingen kann. Die Gonzaga Band bringt mit Antonio Freddis Marienvesper ein selten gehörtes Meisterwerk der venezianischen Frühbarockzeit zur Aufführung. Unter dem Motto „Bachs Welt der Tasteninstrumente“ erkunden internationale Cembalisten in einer vierteiligen Konzertreihe Johann Sebastian Bachs europäische Bezüge – von der französischen Klangsprache bis zur italienischen Eleganz. Herausragende Interpreten wie Pierre Gallon, Justin Taylor und Loris Barrucand & Clément Geoffroy öffnen ein klingendes Fenster in die Werkstatt des Thomaskantors.
Sakraler Glanz erfüllt die Basilika St. Emmeram, wenn L’Escadron Volant de la Reine die Musik Alessandro Scarlattis neu beleuchtet. Der Abend gehört dann einer musikalischen Spurensuche: Alexander Grychtolik und Il Gardellino rekonstruieren ein verlorenes Passionsoratorium Bachs – ein Wagnis, das musikwissenschaftliche Präzision mit künstlerischem Mut verbindet. Und im Nachtkonzert verschmelzen Klang und Kunstgeschichte: Unter dem Titel „Paradisi Porte“ interpretieren Oltremontano Antwerpen und das Tiburtina Ensemble Hans Memlings berühmtes „Engelskonzert“ in Tönen – Musik als himmlisches Tafelbild.

Oltremontano Antwerpen und das Tiburtina Ensemble © Tage Alter Musik Regensburg

Oltremontano Antwerpen und das Tiburtina Ensemble © Tage Alter Musik Regensburg

Am Sonntag zeigt sich die barocke Welt von ihrer heiteren Seite. Im Reichssaal des Alten Rathauses erklingen die charmant-anmutigen wie deftig-witzigen Lieder von Marc-Antoine Charpentier, dargeboten von Les Épopées und der vokalen Elite Frankreichs. Später spannt das junge portugiesische Orchester Bonne Corde mit neu entdeckten Concerti grossi von António Pereira da Costa einen Klangbogen zwischen Lissabon und Rom. Und am Abend bringt das Verità Baroque Ensemble barockes Temperament auf die Bühne: „Solo contro tutti“ – der musikalische Wettstreit als pure Energie.
Die Nacht gehört dann dem englischen Komponisten William Lawes, dessen kühne Klangexperimente das Ensemble Près de votre oreille in der Schottenkirche erlebbar macht – ein Ausflug in die faszinierende Frühzeit des englischen Empfindens.

Près de votre oreille © Rita Cuggia

FAMILY OF THE YEARPrès de votre oreille © Rita Cuggia

Der Pfingstmontag schließlich eröffnet neue Perspektiven: Das Ensemble Comet Musicke präsentiert die wiederentdeckten Werke der südamerikanischen Komponistin Francisca Apomayta, deren barocke Klangsprache sich zwischen Europa und den Anden entfaltet. Mittelalterliche Heldenepen, seltene Sinfonien vergessener Meister und ein glanzvoller Abschluss mit dem britischen Spitzenensemble Stile Antico vollenden ein Festival, das die Musikgeschichte in all ihren Facetten lebendig werden lässt.
Begleitet wird das Programm von einer großen internationalen Instrumentenausstellung im historischen Salzstadel und einem musikwissenschaftlichen Symposium zu Hans Memlings „Engelskonzert“. So vereinen sich Kunst, Forschung und Leidenschaft zu einem klingenden Fest der Kulturgeschichte – mitten im Herzen Europas, in einer Stadt, die seit Jahrhunderten weiß, wie Musik Räume verwandelt.
22. bis 25. Mai 2026
www.tagealtermusik-regensburg.de