Wer im Sommer 2026 die Festspiele auf Schloss Tabor besucht, begibt sich an einen Ort, an dem Landschaft, Geschichte und Kunst zu einer seltenen Einheit verschmelzen. Kaum ein Schauplatz im Südburgenland besitzt eine ähnlich poetische Ausstrahlung wie das mitten im trilateralen Naturpark Raab–Őrség–Goricko gelegene Schloss. Umgeben von sanften Hügeln und jahrhundertealten Grenzlinien zwischen Österreich, Ungarn und Slowenien zählt es zu den ältesten Bauten des Bezirks Jennersdorf – ein historisches Kleinod, dessen Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen.
Erstmals erwähnt wurde der Ort 1469, als der Söldnerführer Ulrich Pesnitzer hier eine Wehranlage errichten ließ. Das heutige Schloss indes formte erst die einflussreiche ungarische Adelsfamilie Batthyány im 17. Jahrhundert, die Tabor zu einem Verwaltungszentrum ihrer weit verzweigten Herrschaft machte. Überwiegend in Wien residierend, nutzte die Familie das Schloss nur sporadisch, dennoch hat ihre Handschrift den Charakter des heutigen Bauwerks entscheidend geprägt. Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs, als das Gebäude kurzzeitig als Panzerwerkstatt diente, wandelte sich Tabor zu einem Wohn- und später zu einem Kulturort.
Mit der Übernahme durch den Naturpark Raab begann eine neue Ära: Unter der Leitung von JOPERA Jennersdorf wurde Schloss Tabor zu einer Opernspielstätte ausgebaut, die weit über die Region hinausstrahlt. Heute befindet sich das Ensemble im Eigentum des Landes Burgenland, während der Verein KulturRaum Schloss Tabor – einst JOPERA – weiterhin Veranstaltungen wie den beliebten Advent, Kinder- und Jugendprogramme sowie die historische Ausstellung betreut. So bleibt das Schloss ein lebendiger Kulturraum, der Tradition und Gegenwart mühelos miteinander verbindet.
Wiener Blut – Walzerseligkeit unter freiem Himmel
Vor dieser eindrucksvollen Kulisse entfaltet sich im August 2026 ein Werk, das Wiener Lebensgefühl, Humor und musikalische Eleganz wie kaum ein anderes verkörpert: Wiener Blut. Die „komische Operette“ nach Johann Strauss Sohn – kunstvoll arrangiert von Kapellmeister Adolf Müller junior und mit einem Libretto von Victor Léon und Leo Stein – ist ein Stück voller Leichtigkeit und Esprit.
Strauss selbst war gesundheitlich längst nicht mehr in der Lage, ein neues Bühnenwerk zu komponieren. Doch das Drängen der Librettisten zeigte Wirkung: Müller junior wählte mehr als 30 Kompositionen des Walzerkönigs aus und verwob sie zu einem Potpourri, in dem vieles vertraut klingt und dennoch neu funkelt. Walzerklassiker wie „Wiener Blut“, „Morgenblätter“ oder die Polka „Leichtes Blut“ treiben die Handlung an und geben ihr jene unwiderstehliche Mischung aus Eleganz und Schwung, die das Stück bis heute prägt.
Die Geschichte, angesiedelt zur Zeit des Wiener Kongresses, entfaltet ein vergnügliches Karussell aus amourösen Verwicklungen. Graf Zedlau, hin- und hergerissen zwischen Pflicht, Leidenschaft und gesellschaftlichen Erwartungen, verstrickt sich in ein Netz aus Verwechslungen und Missverständnissen. Doch wie es sich für eine Operette gehört, führt das Labyrinth am Ende sicher zum Happy End – und zum Dreivierteltakt der Herzen.
Nach einer zunächst verhaltenen Premiere im Jahr 1899 entwickelte sich Wiener Blut ab der Neubearbeitung 1905 zum international gefeierten Publikumserfolg. Heute gilt es als eines der strahlendsten Juwelen des klassischen Operettenrepertoires – und auf Schloss Tabor gewinnt es eine besondere Dimension: Wo historische Mauern den Sommerabend wärmen und die Natur die Bühne umrahmt, entfaltet Strauss’ Musik ihre ganze Magie.
5. bis 16. August 2026
www.schlosstabor.at

Die ganze Welt ist himmelblau, 2025 © Renate Schwarzmüller






