Tätowierungen sind längst im Alltag angekommen – sichtbar auf der Haut, präsent in Popkultur, Design und Mode. Doch was geschieht, wenn Tattoos nicht nur als persönliches Statement, sondern als künstlerisches Medium betrachtet werden? Mit der Ausstellung „Unter die Haut. Tattoos im Blick“ widmet sich die Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim vom 30. April bis 13. September 2026 diesem vielschichtigen Phänomen und öffnet einen differenzierten Blick auf Tätowierungen in der Kunst der Gegenwart.
Anlässlich der World Design Capital 2026 und als Partnerinstitution des Projekts MISHPOCHA. The Art of Collaboration des Jüdischen Museums Frankfurt rückt die von Dr. Kemfert kuratierte Schau das visuelle, kulturelle und soziale Potenzial von Körperbildern in den Fokus. Tattoos erscheinen hier nicht als modischer Trend, sondern als Bildträger, als Speicher von Identität, Erinnerung und Biografie – und als Schnittstelle zwischen Kunst, Design und gesellschaftlicher Praxis.
Ein zentraler historischer Bezugspunkt der Ausstellung ist der Hamburger Tätowierer Herbert Hoffmann (1919–2010). In seiner legendären „Ältesten Tätowierstube“ begegneten sich über Jahrzehnte Menschen unterschiedlichster Herkunft: Seeleute und Hafenarbeiter ebenso wie Akademiker:innen, Politiker oder Hausfrauen. Hoffmann verstand sich nicht nur als Tätowierer, sondern als Chronist. Mit großer Empathie fotografierte er tätowierte Menschen und hielt ihre Lebensgeschichten fest. Seine eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Porträts, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind weit mehr als Dokumente der Tattoo-Geschichte – sie eröffnen einen präzisen, humanistischen Blick auf Körper, Individualität und Zeitgeschichte.
Darüber hinaus stellt „Unter die Haut“ zeitgenössische Tätowierer:innen vor, die eine Ausbildung an Kunstakademien absolviert haben und das Tätowieren als Erweiterung ihrer künstlerischen Praxis begreifen. Zeichnung bildet dabei stets den Ausgangspunkt – ob auf Papier, Leinwand, Druckplatte oder menschlicher Haut. Linien, Striche und Formen werden gestochen, perforiert und eingeschrieben, der Körper wird zum Bildträger und zum Resonanzraum zugleich.
Besonders eindrucksvoll zeigt die Ausstellung, wie sich im aktuellen Tätowierungsprozess Disziplinen und Medien zunehmend verschränken. Ein herausragendes Beispiel ist der in London lebende Künstler Michele Servadio, der Tätowieren, Musik und Performancekunst verbindet. In seiner Reihe „Body of Reverbs“ wird der Tätowierprozess selbst zur Klangquelle: Die Vibrationen der Nadel werden in Töne übersetzt, der Körper wird zum Instrument, der Raum zur akustischen Bühne. So entstehen vielschichtige Kompositionen, die die Verbindung von Körper, Klang und Kunst sinnlich erfahrbar machen.
„Unter die Haut. Tattoos im Blick“ ist damit weit mehr als eine Ausstellung über Tattoos. Sie ist eine Reflexion über Sichtbarkeit und Intimität, über Einschreibung und Ausdruck – und über den menschlichen Körper als einen der ältesten und zugleich aktuellsten Orte künstlerischer Praxis.
30. April bis 13. September 2026
www.opelvillen.de






