In der sanft geschwungenen Juralandschaft, zehn Kilometer südlich von Basel, erhebt sich auf dem Dornacher Hügel das Goetheanum. Seine expressive Architektur prägt die Silhouette der Region; umgeben von Gartenpark, Café und Buchhandlung ist es ein Ort der Begegnung, der Kunst und der geistigen Arbeit. Als Sitz der weltweit tätigen Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und der Anthroposophischen Gesellschaft verbindet das Haus Forschung, Lehre und kulturelle Praxis auf besondere Weise. Im Juli 2026 wird die Goetheanum-Bühne hier ein außergewöhnliches Jubiläum feiern: die 100. Aufführung von Faust I und II von Johann Wolfgang von Goethe – seit der legendären Erstaufführung der ungekürzten Gesamtfassung im Jahr 1938. An drei Sommerfestivals kehrt das monumentale Werk an seinen historischen Aufführungsort zurück.

Die neunstündige Inszenierung, verteilt auf zwei beziehungsweise drei Tage, ist dabei von überraschender Leichtigkeit. Szene fügt sich an Szene, als reichten sie einander die Hand. Sprachlich bleibt die Aufführung dicht an Goethes Wort, erzählerisch entfaltet sie die ganze Spannweite des Dramas: Fausts Weg vom Studierzimmer in Unterwelt und Himmelsregionen, seine Begegnungen mit Mephisto, Engeln und der „Schönsten“, seine Grenzgänge zwischen Erkenntnisdrang und Verführung. Das Stück reicht vom Labor für künstliche Menschen bis zurück in mythische Urzeiten – bis an den Anfang der Schöpfung.

Faust 2 © Laura Pfaehler

Faust 2 © Laura Pfaehler

Seit 1938 gehört ‹Faust I und II› zum künstlerischen Kern der Goetheanum-Bühne. Der Psychologe Carl Gustav Jung bezeichnete Faust als Mythos des modernen Menschen. In dieser Lesart wird das Drama zur Seelenlandschaft unserer Zeit: Höchste Ideale und der Pakt mit dem Dunklen liegen nah beieinander. „Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne / Und von der Erde jede höchste Lust“, heißt es bei Mephistopheles – ein Spannungsfeld, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Regisseurin Andrea Pfaehler, die das Werk seit 2020 am Goetheanum inszeniert, beschreibt den Zauber des Theaters als einen Moment, in dem sich Gefühle und Gedanken der Spielenden mit dem Stoff vereinen – und im Publikum je eigene Antworten entstehen. Seit 2025 verantwortet Rafael Tavares die Eurythmie-Regie. Im Zusammenspiel von Schauspiel und Eurythmie wird das Wechselspiel von Innen und Außen, von geistiger Bewegung und sichtbarer Geste, sinnlich erfahrbar.
Zum 100. Mal ‹Faust› am Goetheanum – das ist mehr als eine Zahl. Es ist die Feier einer lebendigen Tradition und zugleich die Einladung, Goethes Weltdrama neu zu erleben: auf jenem Hügel in Dornach, wo 1938 Theatergeschichte geschrieben wurde.

Faust I und II
10. bis 12. Juli 2026
17. bis 19. Juli 2026 (100. Aufführung)
25. bis 26. Juli 2026
www.goetheanum.ch