Es gibt Bilder, die man nicht nur betrachtet, sondern körperlich spürt. Ein verzerrtes Gesicht, eine geballte Hand, ein gesenkter Blick – oft genügt eine kleine Geste, um Angst, Schmerz oder Hoffnung zu vermitteln. Die Ausstellung „Expressiv! Grafik von Dürer bis Schlichter“ im Kunstmuseum Karlsruhe widmet sich genau diesen Momenten des emotionalen Ausdrucks und zeigt, wie Künstlerinnen und Künstler seit Jahrhunderten versuchen, menschliche Affekte sichtbar zu machen.

Rosemarie Trockel, „Ohne ­Titel“, 1988, Kunstmuseum Karlsruhe, Sammlung Garnatz © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Rosemarie Trockel, „Ohne ­Titel“, 1988, Kunstmuseum Karlsruhe, Sammlung Garnatz © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Schau versammelt Arbeiten aus fünf Jahrhunderten und führt eindrucksvoll vor Augen, dass Emotionen zwar zeitlos erscheinen, ihre Darstellung jedoch immer auch von ihrer Epoche geprägt ist. Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarelle aus der Sammlung des Museums treten dabei in einen stillen Dialog über die Jahrhunderte hinweg. Zwischen Renaissance, Barock, Moderne und Neuer Sachlichkeit entstehen überraschende Verbindungen, die den Blick auf das Menschliche richten.
Bereits Albrecht Dürer verstand die Ausdruckskraft der Linie wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit. Seine präzisen Studien von Gesichtern und Körperhaltungen erfassen nicht nur äußere Erscheinungen, sondern vermitteln innere Zustände. Später intensiviert Rembrandt diese emotionale Nähe. Seine Figuren wirken verletzlich, zweifelnd oder erschöpft – und gerade dadurch zutiefst gegenwärtig. Guido Reni hingegen entwickelt einen idealisierten Ausdruck, in dem Schmerz und Schönheit eng miteinander verbunden sind.
Besonders eindringlich erscheinen in der Ausstellung die Arbeiten von Käthe Kollwitz. Ihre Grafiken über Krieg, Armut und Verlust gehören zu den bewegendsten Bildzeugnissen des 20. Jahrhunderts. Kollwitz reduziert viele Szenen auf wenige Linien und erreicht dennoch eine enorme emotionale Wucht. Ihre Figuren klammern sich aneinander, trauern oder erstarren in Verzweiflung. In diesen Blättern wird deutlich, dass Grafik nicht nur ein Medium der Darstellung, sondern auch eines unmittelbaren Mitgefühls sein kann.
Mit Rudolf Schlichter erreicht die Ausstellung schließlich die Zwischenkriegszeit, in der gesellschaftliche Unsicherheit und psychische Spannungen neue Bildformen hervorbringen. Seine Arbeiten wirken oft kühl und zugleich verstörend. Die Emotion zeigt sich hier nicht mehr allein in dramatischen Gesten, sondern auch in Brüchen, Maskenhaftigkeit und innerer Distanz.
„Expressiv!“ macht deutlich, dass Gefühle in der Kunst nie bloß privat sind. Sie spiegeln religiöse Vorstellungen, politische Krisen oder gesellschaftliche Erwartungen wider. Gerade deshalb besitzen viele der Werke bis heute eine erstaunliche Aktualität. Die Bilder erzählen von Erfahrungen, die Menschen über Zeiten hinweg miteinander verbinden: Freude, Angst, Einsamkeit, Wut oder Mitgefühl.
Die Ausstellung lädt dazu ein, langsamer zu schauen und sich auf die Ausdruckskraft kleiner Details einzulassen. Ein gesenkter Kopf, eine geöffnete Hand oder ein leerer Blick können dabei oft mehr erzählen als große Erzählungen. So entsteht ein intensiver Parcours durch die Geschichte menschlicher Emotionen – und zugleich eine Begegnung mit uns selbst.
23. Mai bis 4. Oktober 2026
www.kunstmuseum-karlsruhe.de