Was bedeutet es heute, Bildhauerei zu betreiben? Welche gesellschaftlichen Bedingungen prägen künstlerische Produktion, und wie lassen sich traditionelle Vorstellungen von Autorschaft, Wettbewerb und Individualität neu denken? Mit der Ausstellung „[ materialistin ]” präsentiert der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart eine Schau, die diese Fragen nicht nur thematisiert, sondern in ihrer eigenen Struktur beantwortet.

Im Mittelpunkt stehen acht in Leipzig arbeitende Künstlerinnen: Laura Eckert, Enne Haehnle, Elisabeth Howey, Lucy König, Agnes Lammert, Wibke Rahn, Theresa Rothe und Sophie Uchman. Gemeinsam bilden sie die Gruppe „[ materialistin ]”, ein Kollektiv, das sich dem erweiterten Feld der Skulptur widmet und zugleich ein bemerkenswertes Modell solidarischer Zusammenarbeit entwickelt hat. Ihre Ausstellung ist weit mehr als eine Präsentation zeitgenössischer Bildhauerei. Sie versteht sich als künstlerisches und gesellschaftliches Statement über Gemeinschaft, Ressourcen und die Bedingungen kultureller Produktion. Die Bildhauerei gilt bis heute als eine Disziplin, die mit besonderen materiellen, körperlichen und ökonomischen Herausforderungen verbunden ist. Werkstätten, Maschinen, Lagerflächen, Transport und Materialkosten verlangen oft erhebliche Ressourcen. Die Künstlerinnen von [ materialistin ] reagieren auf diese Realität mit einem bewusst kollektiven Ansatz. Sie teilen Wissen, Werkzeuge, Kontakte und Infrastruktur. Statt Konkurrenz steht Zusammenarbeit im Mittelpunkt, statt Hierarchien ein offener Austausch zwischen unterschiedlichen Generationen und Erfahrungen. Diese Haltung spiegelt sich auch in den ausgestellten Arbeiten wider.

[ materialistin ], Elisabeth Howey, EN, 2018-2024 © courtesy the artist / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Kay Zimmermann

[ materialistin ], Elisabeth Howey, EN, 2018-2024 © courtesy the artist / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Kay Zimmermann

Die Künstlerinnen arbeiten mit Stahl, Stein, Beton, Gips, Ton, Wachs sowie pflanzlichen Fasern und nachwachsenden Rohstoffen. Die verwendeten Materialien tragen dabei ihre eigene Geschichte in sich. Sie verweisen auf industrielle Prozesse ebenso wie auf Fragen von Nachhaltigkeit, Handwerk und körperlicher Arbeit. Die Werke bewegen sich zwischen skulpturalem Objekt und raumgreifender Installation und entwickeln einen unmittelbaren Dialog mit der Architektur des Museums.
Besonders interessant ist dabei, dass die Ausstellung nicht auf eine einheitliche ästhetische Handschrift zielt. Vielmehr wird die Vielfalt der Positionen sichtbar. Unterschiedliche künstlerische Ansätze treten miteinander in Beziehung und bilden ein Netzwerk aus Formen, Materialien und Ideen. Das Kollektiv versteht Gemeinschaft nicht als Vereinheitlichung, sondern als produktive Form von Vielfalt.
Zugleich verweist „[ materialistin ]” auf aktuelle gesellschafts- und kulturpolitische Debatten. Fragen nach feministischen Arbeitsweisen, gerechter Ressourcennutzung und nachhaltigen Produktionsformen sind in den Werken ebenso präsent wie Überlegungen zu Sichtbarkeit, Teilhabe und Solidarität. Die Ausstellung zeigt, dass Kunst nicht nur gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren kann, sondern selbst alternative Modelle des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens erprobt.

[ materialistin ], Wibke Rahn, entropy, 2024 © courtesy the artist / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Kay Zimmermann

[ materialistin ], Wibke Rahn, entropy, 2024 © courtesy the artist / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Kay Zimmermann

Dass die Schau im Jubiläumsjahr des Hamburger Bahnhofs stattfindet, verleiht ihr zusätzliche Bedeutung. Dreißig Jahre nach seiner Eröffnung blickt das Museum nicht nur auf seine Geschichte zurück, sondern richtet den Blick bewusst nach vorn. [ materialistin ] steht exemplarisch für eine Generation von Künstlerinnen, die traditionelle Rollenbilder hinterfragt und neue Formen kultureller Praxis entwickelt. So entsteht eine Ausstellung, die weit über den Begriff der Skulptur hinausweist. Sie erzählt von Material und Körperlichkeit, von Arbeit und Gemeinschaft, von feministischen Perspektiven und künstlerischer Selbstorganisation. Vor allem aber macht sie deutlich, dass Kunst nicht nur Objekte hervorbringt, sondern auch soziale Räume schaffen kann.
In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt oft auf die Probe gestellt wird, setzt [ materialistin ] ein starkes Zeichen: für Kooperation statt Konkurrenz, für Austausch statt Abgrenzung und für die Überzeugung, dass kreative Prozesse dort besonders kraftvoll werden, wo Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen.
3. Juli 2026 bis 14. März 2027
www.smb.museum.de

[ materialistin ], Enne Haehnle, besty beast beasty boy, 2021, a & o Kunsthalle© courtesy the artist / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Kay Zimmermann

[ materialistin ], Enne Haehnle, besty beast beasty boy, 2021, a & o Kunsthalle © courtesy the artist / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Kay Zimmermann