Mit der Sonderausstellung „Sammeln mit Stil. Caroline Murat, Ludwig I. und die Antike“ widmen sich die Staatlichen Antikensammlungen und die Glyptothek München einem außergewöhnlichen Kapitel europäischer Kulturgeschichte. Anlass ist ein Jubiläum von besonderer Bedeutung: Vor genau 200 Jahren gelangte die berühmte Sammlung Lipona nach München – ein Ankauf, der zu den entscheidenden Grundsteinen der heutigen Staatlichen Antikensammlungen zählt.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Frau, deren Rolle in der Geschichte des Sammelns lange im Schatten großer männlicher Persönlichkeiten stand: Caroline Murat, die jüngste Schwester Napoleons Bonaparte. Als Königin von Neapel und Gemahlin Joachim Murats regierte sie zwischen 1808 und 1815 über ein Königreich, das sich auf einem der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas befand. Die Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum hatten bereits eine europaweite Begeisterung für die Antike entfacht. Caroline nahm daran nicht nur Anteil, sondern gestaltete diese Entwicklung aktiv mit. Sie förderte archäologische Unternehmungen, initiierte eigene Grabungen und trug bedeutende Funde zusammen. In den Räumen des königlichen Palastes entstand auf diese Weise eine bemerkenswerte Privatsammlung antiker Kunstwerke – ein persönliches Museum, das gleichermaßen Ausdruck von Bildung, Prestige und ästhetischem Anspruch war.

Bronzener Silen © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek/Renate Kühling
Diese Leidenschaft für die Antike verband Caroline Murat mit einem weiteren prominenten Sammler ihrer Zeit: dem späteren bayerischen König Ludwig I. Bereits als Kronprinz hatte Ludwig Italien bereist und war von den Kunstschätzen der Antike tief beeindruckt. Die Begegnung mit den Monumenten und Sammlungen südlich der Alpen prägte ihn nachhaltig. Sein Ziel war es, die Schönheit und kulturelle Bedeutung der antiken Welt auch in Bayern sichtbar zu machen. Daraus entwickelte sich jenes ambitionierte Kunst- und Kulturprogramm, das München im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten Kunstmetropolen Europas werden ließ.
Bemerkenswert ist, dass sich Caroline Murat und Ludwig I. nicht nur durch ihre Sammelleidenschaft verbunden fühlten, sondern einander auch persönlich kannten. Die politischen und familiären Verflechtungen der napoleonischen Zeit führten beide immer wieder in denselben gesellschaftlichen Kreisen zusammen. Nach dem Sturz Napoleons änderten sich jedoch die Lebensumstände der ehemaligen Königin dramatisch. Caroline verlor ihr Königreich und fand auf habsburgischem Gebiet Zuflucht. Dort lebte sie fortan unter dem Namen „Gräfin Lipona“ – einem Anagramm ihres einstigen Herrschaftssitzes Napoli.

Kentaurenkanne und Silberschale mit Kopf © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek/Wolfram Kastl
Finanzielle Schwierigkeiten zwangen sie schließlich, Teile ihrer Kunstsammlung zu veräußern. Diese Situation eröffnete Ludwig I. die seltene Gelegenheit, eine hochkarätige Antikensammlung zu erwerben. Im Jahr 1826 wurde der Ankauf durch Leo von Klenze, den berühmten Architekten des Königs, vertraglich besiegelt. Die Sammlung Lipona gelangte nach München und wurde zu einem wichtigen Baustein jener Bestände, die heute internationales Renommee genießen.
Die Ausstellung bietet nun erstmals die Gelegenheit, die Sammlung nahezu vollständig zu erleben. Darüber hinaus gelingt ihr etwas Seltenes: Sie rekonstruiert die Atmosphäre einer Epoche, in der Sammeln weit mehr war als der Erwerb kostbarer Objekte. Es war Ausdruck eines kulturellen Ideals, einer intellektuellen Haltung und einer tiefen Sehnsucht nach der Welt der Antike. So wird die Schau zu einer faszinierenden Begegnung mit zwei außergewöhnlichen Persönlichkeiten, deren Leidenschaft bis heute nachwirkt.
8. Juli 2026 bis 17. Januar 2027
www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de

Fresko aus Herculaneum. Musikantin mit Flöte und Tanzende mit Zimbeln. © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek/Renate Kühling





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