Heilige, Sünderin, Gefährtin Christi, Feministin, Popikone: Kaum eine biblische Figur wurde über Jahrhunderte hinweg so unterschiedlich interpretiert wie Maria Magdalena. Mit der Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ widmen das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung dieser faszinierenden Persönlichkeit erstmals im deutschsprachigen Raum eine umfassende Schau. Sie zeigt eindrucksvoll, wie sich das Bild einer Frau über Jahrhunderte wandelte – und warum ihre Geschichte bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

Maria Magdalena gehört zu den rätselhaftesten und zugleich bedeutendsten Frauenfiguren der christlichen Überlieferung. In den Evangelien erscheint sie als treue Begleiterin Jesu, als Zeugin seiner Kreuzigung und als erste, die dem Auferstandenen begegnet. Dennoch wurde ihre Geschichte über Jahrhunderte mit Legenden, Missverständnissen und gesellschaftlichen Zuschreibungen überlagert. Aus der Jüngerin wurde die reuige Sünderin, aus der glaubensstarken Frau eine Büßerin, deren Bild Generationen von Künstlerinnen und Künstlern prägte.
Mit „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ zeichnet das Städel Museum diese außergewöhnliche Entwicklung nach und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf eine Figur, die bis heute Projektionsfläche religiöser, kultureller und gesellschaftlicher Vorstellungen ist. Mehr als 100 Gemälde, Skulpturen und Grafiken vom Mittelalter bis in die Gegenwart machen sichtbar, wie jede Epoche ihre eigenen Werte, Sehnsüchte und Rollenbilder in Maria Magdalena eingeschrieben hat.
Ausgangspunkt der Ausstellung sind bedeutende Werke aus den Sammlungen des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung, ergänzt durch hochkarätige Leihgaben aus internationalen Museen. Meisterwerke von Albrecht Dürer, Georges de La Tour, Guercino, Claude Lorrain, Auguste Rodin, Arnold Böcklin und Max Beckmann begegnen den Arbeiten zeitgenössischer Positionen wie Kiki Smith, Marlene Dumas oder Nieves González. Gerade diese Gegenüberstellung eröffnet spannende Dialoge zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Nieves González, La sfida, 2025, Öl auf Leinwand © Nieves González, Leihgabe aus Privatbesitz

Nieves González, La sfida, 2025, Öl auf Leinwand © Nieves González, Leihgabe aus Privatbesitz

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Blick bedeutender Künstlerinnen auf Maria Magdalena. Werke von Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani, Luisa Roldán und Lotte Laserstein zeigen, wie weibliche Perspektiven das traditionelle Bild der Heiligen erweitern und hinterfragen. Sie erzählen von Selbstbestimmung, Verletzlichkeit, Stärke und Spiritualität – Themen, die bis heute nichts an Relevanz verloren haben.
Bemerkenswert ist auch der Blick über die klassische Kunstgeschichte hinaus. Die Ausstellung verfolgt die ikonografische Entwicklung Maria Magdalenas bis in die Gegenwartskultur und schlägt überraschende Brücken zur Popkultur. So begegnet man einer Figur, die längst nicht mehr ausschließlich religiös gelesen wird, sondern als Symbol weiblicher Identität, Emanzipation und individueller Freiheit immer neue Bedeutungen erhält. Der Verweis auf Ikonen wie Lady Gaga macht deutlich, wie präsent Maria Magdalena auch im 21. Jahrhundert geblieben ist.
Die Ausstellung versteht sich dabei nicht nur als kunsthistorische Bestandsaufnahme, sondern als Einladung, vertraute Bilder neu zu hinterfragen. Sie zeigt Maria Magdalena als vielschichtige Persönlichkeit zwischen Glaube und Zweifel, Körper und Geist, Tradition und Aufbruch. Gerade in einer Zeit, in der Fragen nach Rollenbildern, Identität und gesellschaftlicher Teilhabe intensiv diskutiert werden, entfaltet diese historische Figur eine überraschende Aktualität.
Mit „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ gelingt dem Städel Museum eine eindrucksvolle Ausstellung, die Kunst, Geschichte und Gegenwart auf faszinierende Weise miteinander verbindet. Sie macht sichtbar, wie sehr sich unser Blick auf Frauen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat – und wie Kunst dazu beiträgt, diese Entwicklungen zu erzählen.
17. September 2026 bis 17. Januar 2027
www.staedelmuseum.de

Max Beckmann, Christus und die Sünderin, 1917, Öl auf Leinwand, Saint Louis Art Museum, Foto © Bequest of Curt Valentin

Max Beckmann, Christus und die Sünderin, 1917, Öl auf Leinwand, Saint Louis Art Museum, Foto © Bequest of Curt Valentin