Fast 2.500 Jahre nach seiner Entstehung ist der Parthenon noch immer voller Rätsel. Wer stand wo? Welche Figuren gehörten zusammen? Und wie sah die berühmte Geburt der Göttin Athena am Ostgiebel des Tempels tatsächlich aus? Die Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt bringt ab November 2026 spektakuläre neue Forschungsergebnisse ans Licht – und rekonstruiert erstmals wissenschaftlich fundiert eine der bedeutendsten Skulpturengruppen der griechischen Antike.

Wie ein Frankfurter Forschungsteam ein antikes Meisterwerk neu zusammensetzt.
Es beginnt mit einem Puzzle, dessen Teile seit Jahrhunderten über die Welt verstreut sind. Einige liegen in Museen, andere sind nur noch als Fragmente erhalten, manche tragen kaum sichtbare Spuren ihrer ursprünglichen Gestaltung. Zusammen ergeben sie eine der berühmtesten Bildkompositionen der Antike: den Ostgiebel des Parthenon auf der Athener Akropolis.
Doch wie genau sah diese monumentale Szene aus?
Die Antwort darauf ist weit weniger selbstverständlich, als es der weltberühmte Tempel vermuten lässt. Zwar sind die Skulpturen des Parthenon seit mehr als zweihundert Jahren Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung. Doch zentrale Fragen zur ursprünglichen Anordnung der Figuren blieben ungelöst. Genau hier setzt die Ausstellung „Bühne frei für Athena: Das Parthenon-Puzzle“ an, die vom 18. November 2026 bis zum 25. Juli 2027 in der Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt zu sehen ist.
Im Zentrum steht ein außergewöhnliches Forschungsprojekt unter der Leitung von Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses. Mithilfe archäologischer, kunsthistorischer und technologischer Methoden ist es seinem Team gelungen, zahlreiche Fragmente neu zuzuordnen und daraus erstmals einen archäologisch fundierten Vorschlag für die vollständige Rekonstruktion der Skulpturen des Ostgiebels zu entwickeln. Damit wird aus der Ausstellung eine faszinierende Mischung aus Archäologie, Detektivarbeit und modernster Technologie.

Athena des Myron, Römische Wiederholung einer Bronzegruppe von ca. 450 v. Chr., Marmor, Höhe 173,5 cm, Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main, Foto: Rühl und Bormann © Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

Athena des Myron, Römische Wiederholung einer Bronzegruppe von ca. 450 v. Chr., Marmor, Höhe 173,5 cm, Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main, Foto: Rühl und Bormann © Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

Ein Tempel als politische Bühne
Der Parthenon ist weit mehr als ein architektonisches Meisterwerk. Im 5. Jahrhundert v. Chr. errichtet, war er der Stadtgöttin Athena geweiht und zugleich ein machtvolles Symbol für die Bedeutung Athens. Reichtum, politischer Einfluss und kulturelle Strahlkraft sollten sich in seiner Architektur und Ausstattung widerspiegeln.
Besonders eindrucksvoll war die skulpturale Ausstattung des Ostgiebels. Dort wurde die Geburt der Athena aus dem Haupt des Zeus dargestellt – ein kosmologisches Ereignis, das den Beginn einer göttlichen Ordnung und zugleich die besondere Stellung Athenas sichtbar machte. Die gesamte Komposition umfasste einst 39 Figuren. Was heute davon übrig ist, erzählt allerdings auch eine Geschichte der Zerstörung. Im Zuge der Christianisierung wurden große Teile des Ensembles beschädigt oder zerstört. Die Überreste gelangten später in unterschiedliche Sammlungen und Museen. So wurde aus einer einst geschlossenen monumentalen Inszenierung ein verstreutes Puzzle. Und genau dieses Puzzle nimmt Frankfurt nun auseinander – um es neu zusammenzusetzen.

Die Archäologie des Unbekannten
Das Faszinierende an der aktuellen Forschung ist, dass die Wissenschaftler:innen nicht einfach fehlende Teile ergänzen. Sie suchen nach konkreten Belegen. Entscheidende Hinweise liefern unter anderem Darstellungen auf römischen Sarkophagreliefs. Sie bewahren Bildinformationen, die helfen können, die ursprüngliche Komposition des Parthenon-Giebels zu verstehen. Hinzu kommen genaue Untersuchungen der erhaltenen Fragmente, Vergleiche mit anderen antiken Darstellungen und die Analyse kleinster Details. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Technologie. Mithilfe von 3D-Scanning konnten Fragmente digital erfasst und virtuell miteinander in Beziehung gesetzt werden. Was im physischen Raum getrennt und teilweise schwer zugänglich ist, lässt sich digital zusammenführen.
Aus diesen Daten entstand schließlich ein maßstabsgetreues Modell der Figurengruppe. Das Entscheidende daran: Die Rekonstruktion ist nicht bloß eine künstlerische Vorstellung davon, wie der Ostgiebel ausgesehen haben könnte. Sie basiert auf einer Kombination aus archäologischen Quellen, kunsthistorischer Analyse und modernster digitaler Forschung.

Martino di Bartolomeo, Zerstörung der Götzenbilder, ca. 1390, Mischtechnik auf Pappelholz, Städel Museum, Frankfurt am Main

Martino di Bartolomeo, Zerstörung der Götzenbilder, ca. 1390, Mischtechnik auf Pappelholz, Städel Museum, Frankfurt am Main

Wenn Fragmente wieder zu Figuren werden
Die Ausstellung macht diesen Prozess selbst zum Erlebnis. Statt dem Publikum lediglich ein fertiges Ergebnis zu präsentieren, führt eine eigens entwickelte Szenografie Schritt für Schritt durch die Rekonstruktion. Man erlebt gewissermaßen die Geburt des Bildprogramms noch einmal – diesmal nicht aus dem Kopf des Zeus, sondern aus den Händen von Forscherinnen und Forschern.
Fragmente werden zu Hinweisen. Hinweise führen zu Figuren. Figuren ergeben Beziehungen. Und aus diesen Beziehungen entsteht langsam eine monumentale Szene.
Hochkarätige Leihgaben aus internationalen Sammlungen erweitern dabei den Blick. Werke und Vergleichsobjekte unter anderem aus dem British Museum in London, dem Akropolismuseum in Athen, den Vatikanischen Museen, dem Louvre in Paris und dem Museo Archeologico Nazionale di Venezia machen sichtbar, wie sich die Forschung dem Parthenon über Generationen hinweg genähert hat.
Zugleich erzählt die Ausstellung die rund zweihundertjährige Forschungsgeschichte rund um das berühmte Monument. Denn auch die Wissenschaft selbst hat ihre Geschichte: Hypothesen werden entwickelt, verworfen und neu bewertet; vermeintliche Gewissheiten geraten ins Wanken, wenn neue Erkenntnisse ans Licht kommen.

Ein 2.500 Jahre altes Bild wird wieder sichtbar
Gerade darin liegt die besondere Spannung der Ausstellung. Der Parthenon wird hier nicht als abgeschlossenes Kapitel der Kunstgeschichte präsentiert. Er erscheint vielmehr als ein Werk, dessen Geschichte bis in die Gegenwart reicht. Jedes neue Fragment kann den Blick auf das Ganze verändern. Jede technologische Entwicklung kann eine bisher unsichtbare Verbindung sichtbar machen. Und jede neue Interpretation stellt die Frage, wie viel wir über die Vergangenheit tatsächlich wissen – und wie viel wir nur zu wissen glauben.
Am Ende der Ausstellung wartet deshalb ein besonderer Höhepunkt: Eine eigens entwickelte Animation lässt die Figuren des Ostgiebels wieder zum Leben erwachen. Aus verstreuten Fragmenten wird eine bewegte, zusammenhängende Komposition. Die Besucher:innen können nachvollziehen, wie aus einzelnen Überresten wieder eine monumentale Bühne entsteht.

Zeus, gefunden in Otricoli, 2. Jh. v. Chr., Marmor, Rom, Musei Vaticani, Liebieghaus

Zeus, gefunden in Otricoli, 2. Jh. v. Chr., Marmor, Rom, Musei Vaticani, Liebieghaus

Das Puzzle bleibt in Bewegung
„Bühne frei für Athena“ zeigt, wie lebendig Archäologie sein kann. Sie ist keine Wissenschaft, die lediglich Staub aus der Vergangenheit wischt. Sie arbeitet mit Bildern, Technologien, Vergleichen, Hypothesen und immer neuen Fragen. Das Parthenon-Puzzle führt dabei eindrucksvoll vor Augen, wie eng Forschung und Kunstvermittlung miteinander verbunden sein können. Ein Fragment ist eben nicht nur ein Bruchstück. Es kann ein Hinweis sein. Ein 3D-Modell ist nicht nur eine technische Spielerei, sondern ein Werkzeug, um Geschichte neu zu denken. Und ein antikes Meisterwerk muss nicht vollständig erhalten sein, um uns noch heute zum Staunen zu bringen. Vielleicht liegt gerade in seinen Lücken seine größte Faszination. Denn solange nicht jedes Teil an seinem endgültigen Platz liegt, bleibt der Parthenon eine Bühne, auf der die Vergangenheit immer wieder neu inszeniert werden kann.
18. November 2026 bis 25. Juli 2027
www.liebighaus.de