Was bleibt, wenn etwas verschwindet? Welche Geschichten erzählen verlassene Räume, verschwundene Symbole und die Erinnerungen, die wir mit ihnen verbinden? Die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle (*1953) macht solche Fragen zum Ausgangspunkt ihrer Kunst. Mit „Is It Better?” präsentiert der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart erstmals seit mehr als 20 Jahren eine Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin.
Calles Werke kreisen um Verlust, Vergänglichkeit und die Unzuverlässigkeit der Erinnerung – und verbinden dabei eine bisweilen düstere Melancholie mit überraschendem Humor. Sie arbeitet an den Schnittstellen von Fotografie, Text, Video und Installation. Oft sind es persönliche Erlebnisse, zufällige Begegnungen oder scheinbar nebensächliche Beobachtungen, aus denen sie komplexe Erzählungen entwickelt. Bilder und Worte stehen dabei in einem spannungsvollen Verhältnis: Sie ergänzen einander, widersprechen sich oder lassen bewusst Lücken. So werden die Betrachtenden zu Mitlesenden einer Wirklichkeit, die sich nie vollständig erschließt.

Sophie Calle, „The unknown woman“, 2018, Farbfotografie, bestickter Filz, Rahmen © Sophie Calle. VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Courtesy of the artist, Mrac Occitanie and Perrotin
Einen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Serie „Die Entfernung”, die 1996 in Berlin entstand – im Gründungsjahr des Hamburger Bahnhofs als Museum. Zwölf Fotografien dokumentieren öffentliche Orte, an denen nach der Wiedervereinigung Symbole der DDR entfernt wurden. Ergänzt werden die Aufnahmen durch Beschreibungen von Passant*innen. Was zunächst wie eine sachliche Bestandsaufnahme erscheint, wird zu einer Reflexion über den Wandel des öffentlichen Raums und darüber, wie Geschichte im Alltag sichtbar bleibt, obwohl ihre Zeichen verschwinden. Die Fotografien halten nicht nur einen historischen Moment fest, sondern auch die Spuren eines kollektiven Erinnerns.
Eine besondere Rolle spielt die raumgreifende Installation „Les fantômes d’Orsay” (2022), die erstmals nach ihrer Entstehung für das Musée d’Orsay in Paris gezeigt wird. Zwischen 1978 und 1981 hielt sich Calle fast täglich in Zimmer 501 eines verlassenen Hotels im damaligen Gare d’Orsay auf. Aus dem ehemaligen Bahnhof wurde später ein Museum – eine Geschichte, die auch an den Hamburger Bahnhof erinnert.

Sophie Calle, „Voir la mer“ (Detail), 2011, Mehrkanal-Videoinstallation, Farbe, Ton, Maße und Dauer variabel, Ausstellungsansicht Mrac Occitanie, Sérignan, 2025
© Sophie Calle. VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Courtesy of the artist, Mrac Occitanie and Perrotin. Foto: Aurélien Mole
Die Installation vereint gefundene Gegenstände, Fotografien und Texte zu einer vielschichtigen Begegnung mit einem Ort, dessen Vergangenheit in Fragmenten fortlebt. Was erzählen zurückgelassene Dinge? Und wie verändert sich ein Raum, wenn seine ursprüngliche Funktion verschwindet?
Zum 30-jährigen Bestehen des Hamburger Bahnhofs entwickelt Calle zudem ein neues Werk, das in die Sammlung des Museums eingeht. Es verbindet die Geschichte des Hauses mit ihrer künstlerischen Suche nach dem, was bleibt, wenn Vertrautes sich verändert.
Mit „Is It Better?” eröffnet Sophie Calle einen ebenso persönlichen wie vieldeutigen Blick auf Erinnerung und Geschichte. Ihre Arbeiten geben keine eindeutigen Antworten. Sie sammeln Spuren, bewahren Leerstellen und machen gerade das Unsichtbare zum Gegenstand der Betrachtung. Vielleicht liegt darin die besondere Kraft ihrer Kunst: im beharrlichen Versuch, dem Verschwinden eine Form zu geben.
Zum Jubiläum 30 Jahre Hamburger Bahnhof ist das Museum am 14. und 15. November 2026 im Rahmen eines 30-stündigen Programms durchgehend bei freiem Eintritt geöffnet.
13. November 2026 bis 4. April 2027
www.smb.museum.de

Sophie Calle, Dormeuse aux persiennes, 2022 © Sophie Calle, Perrotin, VG Bild-Kunst Bonn, 2026 / Claire Dorn











