Was passiert, wenn Kartoffeln plötzlich zu Geschossen werden, Vasen durch die Luft wirbeln und Möbel scheinbar ein Eigenleben entwickeln? Wenn das Wohnzimmer zum Schauplatz surrealer Ereignisse wird und die vertraute Ordnung des Alltags endgültig aus den Fugen gerät? Dann befinden wir uns mitten in der faszinierenden Bilderwelt von Anna und Bernhard Blume. Das Kunstmuseum Ahlen widmet dem international renommierten Künstlerpaar vom 21. November 2026 bis zum 28. Februar 2027 eine außergewöhnliche Ausstellung unter dem Titel „Ein Ding der Unmöglichkeit“.

Anna (1936–2020) und Bernhard Johannes Blume (1937–2011) gehörten zu den eigenwilligsten und international bedeutendsten Vertretern der inszenierten Fotografie. Mit schwarzem Humor, anarchischer Fantasie und einem feinen Gespür für gesellschaftliche Widersprüche stellten sie seit den 1970er-Jahren die scheinbar heile Welt des bürgerlichen Alltags auf den Kopf. Was zunächst wie eine absurde Komödie wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als kluge Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rollenbildern, Konventionen und den großen Fragen des Lebens.
Die Kulisse ihrer Bildgeschichten ist oft erstaunlich gewöhnlich: eine Küche, ein Wohnzimmer, ein paar Möbelstücke oder alltägliche Haushaltsgegenstände. Doch plötzlich scheint nichts mehr an seinem Platz zu sein. Teller zerbersten, weiße Würfel schweben durch Räume, Vasen werden zu Wurfgeschossen und Menschen geraten in Situationen, die zwischen Slapstick, Traum und Albtraum changieren. Die beiden Künstler selbst übernehmen dabei die Hauptrollen. Mit ernster Miene und einer gehörigen Portion Selbstironie lassen sie sich auf das scheinbar Unmögliche ein.

Anna & Bernhard Blume, Küchenkoller (Einzelbild), 1985, Gelatinesilberabzug, 200 x 126 cm, Foto: Victor Dahmen © Courtesy Nachlass Anna & Bernhard Blume; Buchmann Galerie, Berlin; VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Anna & Bernhard Blume, Küchenkoller (Einzelbild), 1985, Gelatinesilberabzug, 200 x 126 cm, Foto: Victor Dahmen © Courtesy Nachlass Anna & Bernhard Blume; Buchmann Galerie, Berlin; VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Das Besondere: Anna und Bernhard Blume überließen nichts dem Zufall. Sie entwickelten die Bildideen, bauten die Kulissen, arrangierten die Requisiten und inszenierten sich selbst vor der Kamera. Anschließend entwickelten und vergrößerten sie ihre Fotografien eigenhändig im Labor. Die bewusst unperfekte Ästhetik, unscharfe Aufnahmen und ungewöhnliche Perspektiven waren Teil ihres künstlerischen Konzepts. Ihren Stil bezeichneten sie selbst augenzwinkernd als „provokanten Dilettantismus“.
Hinter der Komik steckt allerdings weit mehr als der Spaß am Absurden. Die Blumes hinterfragten Geschlechterrollen, gesellschaftliche Erwartungen und die vermeintliche Stabilität der bürgerlichen Nachkriegswelt. Ihre Arbeiten berühren Themen, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Identität, Gleichberechtigung, das Verhältnis von Mensch und Natur und die Suche nach etwas, das über die sichtbare Wirklichkeit hinausgeht.
Die Ausstellung in Ahlen eröffnet nun eine besondere Perspektive auf dieses außergewöhnliche Werk. Neben klein- und großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien werden Polaroid-Serien, Zeichnungen und Objekte aus dem Nachlass des Künstlerpaares präsentiert. Besonders spannend ist der Dialog mit internationaler zeitgenössischer Videokunst. So begegnet das fotografische Universum der Blumes aktuellen künstlerischen Positionen und eröffnet neue Blickwinkel auf Bild, Bewegung und Wirklichkeit.
„Ein Ding der Unmöglichkeit“ ist damit nicht nur eine Hommage an zwei außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten, sondern auch eine Einladung, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Denn vielleicht ist die Welt gar nicht so geordnet, wie wir gerne glauben. Und manchmal braucht es nur eine fliegende Kartoffel, um das eindrucksvoll zu beweisen.
21. November 2026 bis 28. Februar 2027
https://kunstmuseum-ahlen.de

Anna & Bernhard Blume, Spiritistische Szenen (Ausschnitt), 1985/86, Silbergelatineabzug, 24-teilig, je 24 × 18 cm, Foto: Stephan Hördemann © Courtesy Nachlass Anna & Bernhard Blume; Buchmann Galerie, Berlin; VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Anna & Bernhard Blume, Spiritistische Szenen (Ausschnitt), 1985/86, Silbergelatineabzug, 24-teilig, je 24 × 18 cm, Foto: Stephan Hördemann © Courtesy Nachlass Anna & Bernhard Blume; Buchmann Galerie, Berlin; VG Bild-Kunst, Bonn 2026