Was, wenn eine Skulptur mehr wäre als ein unbewegliches Kunstobjekt? Wenn sie Energie aufnehmen, mit ihrer Umgebung interagieren und vielleicht sogar zu einem Lebensraum für andere Lebewesen werden könnte? Der Schweizer Künstler Florian Germann beschäftigt sich genau mit solchen faszinierenden Gedanken. Mit seinen außergewöhnlichen Skulpturen und Installationen erschafft er Welten, in denen Natur, Technik und Kunst auf geheimnisvolle Weise miteinander verschmelzen. Stefanie Gschwend, Direktorin des Kunstmuseums und der Kunsthalle Appenzell, hat die Einzelausstellung „Zwölf Leben” kuratiert und eröffnet damit einen facettenreichen Einblick in das außergewöhnliche Schaffen des Künstlers.
Florian Germann, 1978 in Kreuzlingen geboren und heute in Zürich tätig, bewegt sich mit seiner künstlerischen Arbeit an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Natur. Seine Werke erinnern mitunter an futuristische Maschinen, rätselhafte Architekturen oder fremdartige Wesen aus einer anderen Welt. Dabei geht es ihm jedoch nicht allein um ungewöhnliche Formen und überraschende Materialien. Vielmehr erforscht er die Beziehungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und technischen Systemen – und stellt damit grundlegende Fragen über unser Verständnis von Leben und Zusammenleben.

Digitales Plakat zur Ausstellung „Zwölf Leben” © Kunstmuseum Appenzell
Seine Skulpturen wirken wie hybride Körper: halb organisch, halb technisch, zugleich vertraut und fremd. Materialien werden zu Energieträgern, Oberflächen zu geheimnisvollen Strukturen, Konstruktionen zu möglichen Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Lebensformen. Manche seiner Arbeiten sind tatsächlich offen für ihre Umgebung. Pflanzen, Insekten oder Vögel können sie besiedeln und nutzen. Aus statischen Kunstwerken entstehen so dynamische Systeme, die sich verändern und weiterentwickeln.
Besonders faszinierend ist dabei die Vorstellung, dass Kunst nicht nur betrachtet werden muss, sondern selbst etwas bewirken kann. Germanns Objekte erscheinen wie Apparaturen, die Energie aufnehmen, weiterleiten oder transformieren. Sie können wahrnehmen, beeinflussen und neue Verbindungen schaffen. Wo endet die Technik, wo beginnt die Natur? Und wann wird aus einer Konstruktion ein eigener Lebensraum? Genau in dieser Ungewissheit liegt der besondere Reiz seiner Arbeiten.

Florian Germann, Untitled, 2020, Courtesy the artist & Galerie Gregor Staiger, Zurich – Milan, Foto: Hans-Rudolf Staiger
In „Zwölf Leben” verbindet Germann Skulpturen, Modelle und experimentelle Anordnungen zu einer vielschichtigen künstlerischen Landschaft. Dabei bezieht er auch das Museum selbst sowie die Übergänge zwischen Innen- und Aussenraum mit ein. Die Werke stehen somit nicht isoliert im Ausstellungsraum, sondern treten in Beziehung zu ihrer Umgebung. Sie eröffnen gedankliche Räume, in denen neue Formen des Miteinanders zwischen Mensch, Natur und Technik vorstellbar werden.
„Zwölf Leben” lädt dazu ein, die Grenzen zwischen Lebendigem und Unbelebtem neu zu denken. Es ist eine Ausstellung für alle, die sich gerne auf ungewöhnliche Perspektiven einlassen und Kunst nicht nur sehen, sondern mit allen Sinnen erleben möchten. Vielleicht entdecken wir dabei, dass Leben weit mehr Formen annehmen kann, als wir bisher für möglich gehalten haben.
15. November 2026 bis 11. April 2027
https://kunstmuseum-kunsthalle.ch

Florian Germann baut seine minimalistischen Skulpturen alle selbst. Foto Hanspeter Schiess















