Widerspruch war für Daniel Spoerri kein Gegensatz, sondern eine Lebensform. Zwischen Ironie und Ernst, Essen und Kunst, Ordnung und Chaos suchte er nach jener eigentümlichen Wahrheit, die nur das Alltägliche offenbart, wenn man es aus seiner gewohnten Perspektive hebt. Die Ausstellung „Ich liebe Widersprüche“ in der Sammlung Falckenberg spannt nun, ein Jahr nach Spoerris Tod, einen weiten Bogen über sieben Jahrzehnte seines Schaffens – und zeigt, wie radikal aktuell sein Denken geblieben ist.

Wer Spoerris Werk betritt, betritt ein Theater des Zufalls. Seine legendären „Fallenbilder“, seit 1959 Fixierungen flüchtiger Augenblicke, konservieren das, was im nächsten Moment verschwindet: Spuren eines Essens, ein Rest Brot, eine Zigarettenkippe, ein Glas Wein. Das Horizontale wird aufgerichtet, die Realität steht senkrecht an der Wand – eine Geste von stiller Anarchie. In diesen erstarrten Momenten liegt kein Triumph des Künstlers, sondern eine subtile Absage an die Hybris der Autorschaft. Denn jedes Fallenbild ist ein Gemeinschaftswerk: zwischen Menschen, die aßen, redeten, lachten – und dem Künstler, der das Flüchtige bewahrte.

Ausstellungsansicht „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche. Im Dialog mit Werken aus der Sammlung Falckenberg” © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge

Ausstellungsansicht „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche. Im Dialog mit Werken aus der Sammlung Falckenberg” © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge

Die Schau in den Deichtorhallen, konzipiert noch in enger Zusammenarbeit mit Harald Falckenberg, ist mehr als eine Retrospektive. Sie ist eine Konversation zwischen künstlerischen Geistern, zwischen Spoerris Humor und Falckenbergs Lust am Paradoxen. Vier Etagen verdichten sich zu einem polyphonen Dialog zwischen Spoerri und den rebellischen Stimmen der Sammlung – Ray Johnson, Dieter Roth, Jonathan Meese, Astrid Klein. So entsteht ein Raum der Verwandtschaften: eine Ästhetik des Widerstands gegen Konvention und guten Geschmack.
Selten gezeigte Werkgruppen erweitern das bekannte Bild des Künstlers: die ab 1972 entstandenen Brotteigobjekte, die „Morduntersuchungen“ mit ihren irritierenden, kriminalistischen Anspielungen, oder die „Fadenscheinigen Orakel“, in denen Spoerri aus alten Sticktüchern neue, poetisch-ironische Botschaften montiert. Überall begegnet man seiner Freude am Doppelsinn, seiner Lust am Sprachspiel, an der Umkehrung von Wert und Bedeutung.

Ausstellungsansicht „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche. Im Dialog mit Werken aus der Sammlung Falckenberg” © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge

Ausstellungsansicht „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche. Im Dialog mit Werken aus der Sammlung Falckenberg” © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge

Im Dialog mit den Werken der Sammlung Falckenberg entfaltet sich Spoerris Werk als Teil einer größeren, anarchischen Gegenkultur. Seine Kunst teilt mit Fluxus, Nouveau Réalisme und Konzeptkunst jene Haltung, die das Alltägliche zum Politikum erhebt. Sie fordert dazu auf, die Grenzen zwischen Kunst und Leben immer wieder neu zu verhandeln.
Daniel Spoerri, 1930 in Rumänien geboren, Tänzer, Bühnenbildner, Sammler, Koch, Gastgeber – war stets mehr als nur ein Künstler. Seine Arbeit war eine Feier des Zufalls und der Gemeinschaft, ein Spiel mit dem Vergänglichen, das sich gegen jede Monumentalität stemmt. In seinem „Giardino“ in der Toskana wuchs daraus eine Landschaft der Begegnungen. Nun, posthum, wird sein Werk in Hamburg zur Hommage an einen Künstler, der das Leben – in all seiner Widersprüchlichkeit – nie aufgehört hat zu lieben.
27. September 2025 bis 26. April 2026
www.deichtorhallen.de

Daniel Spoerri, Journal médical Psoriasis guttata, 1990 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025. Courtesy Galerie LEVY

Daniel Spoerri, Journal médical Psoriasis guttata, 1990 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025. Courtesy Galerie LEVY