Mit der Ausstellung „Neue Wildnis“ richtet das Gewerbemuseum Winterthur den Blick auf eine Form von Natur, die lange übersehen wurde – und gerade deshalb von besonderer Aktualität ist. Zwischen Pflastersteinen, auf Brachen, entlang von Gleisen und Autobahnen entfaltet sich eine Spontanvegetation, die jede ökologische Nische nutzt. Was gemeinhin als „Unkraut“ abgetan wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als resilientes Geflecht aus Anpassung, Migration und Koexistenz.
Die Ausstellung versammelt Projekte aus Landschaftsarchitektur, Forschung und Ökologie, die diese urbane Wildnis nicht romantisieren, sondern als zukunftsweisendes Modell begreifen. Statt nostalgischer Naturbilder steht ein dynamisches Verständnis von Stadtnatur im Zentrum – eines, das Prozesse über Perfektion stellt und Veränderung als Qualität anerkennt. So porträtiert Franziska Klose in ihrem Projekt „Cohabitat“ städtische Pflanzen als Akteurinnen eines vernetzten Organismus. Verkehrsinseln, Dächer oder Baustellen erscheinen hier als komplexe Habitate mit erstaunlicher Artenvielfalt – teils höher als in intensiv bewirtschafteten Kulturlandschaften. Dass diese Wildnis auch planerisch gefördert werden kann, zeigt das Projekt „Stadtwildnis“ der Stadt Winterthur: Durch differenzierte Biotopstrukturen entstehen klimaresiliente Freiräume, die Biodiversität nicht nur dulden, sondern aktiv stärken. Mit „Scent Lab“ lenkt die Landschaftsarchitektin Fanny Brandauer zudem die Aufmerksamkeit auf eine oft übersehene Dimension – den Duft dieser Pflanzen, der das sinnliche Erleben urbaner Räume erweitert.

Céline Baumann, Trial of Invasives, Collage, 2025 © Studio Céline Baumann
Auch scheinbar lebensfeindliche Infrastrukturen geraten in den Fokus. Die „Autobahn für Insekten“ im Überlandpark Zürich-Schwamendingen transformiert eine Autobahnüberdachung in eine ökologische Passage für Wildbienen, Käfer und Spinnen. Johanna Just untersucht in ihrer Forschung „Vital Milieus“, wie technisierte Landschaften – etwa in der Oberrheinischen Tiefebene – unerwartete Freiräume für neue Formen von Wildnis hervorbringen. Hier zeigt sich: Anthropogene Räume sind keine Gegenwelten zur Natur, sondern deren Mitproduzenten. Ein weiterer Schwerpunkt gilt der Debatte um einheimische und nicht heimische Arten. Auf dem Campus in Rapperswil-Jona entsteht ein Miyawaki-Wald – ein dicht gepflanztes Miniaturökosystem, das natürliche Sukzession beschleunigen soll. Céline Baumann hinterfragt mit ihrer Collage „Trial of Invasives“ unsere moralisch aufgeladene Haltung gegenüber sogenannten invasiven Arten und rückt die Frage nach Eingriff und Kontrolle ins Zentrum.
Historisch verortet wird die Ausstellung durch die Dokumentation „Natura Urbana“ des Geografen Matthew Gandy, die West-Berlin als Labor urbaner Ökologie sichtbar macht. Archivmaterial aus dem Schweizerischen Archiv für Landschaftsarchitektur schlägt den Bogen zur hiesigen Naturgartenbewegung der Nachkriegszeit. Präparate aus der Sammlung des Naturmuseums Winterthur – von Rosskastanienkeimlingen bis zum Alpensegler – erweitern den Diskurs um eine materielle Dimension. „Neue Wildnis“ versteht Stadt nicht als Gegensatz zur Natur, sondern als ihr Experimentierfeld – als Ort, an dem sich ökologische, ästhetische und gesellschaftliche Fragen neu verschränken.
2. April bis 23. August 2026
www.gewerbemuseum.ch

Johanna Just, „Towards a Vital Milieu”, 2025















