Geister lassen uns nicht los. Sie spuken durch Filme, Romane, Mythen und Träume – und selbst in einer aufgeklärten, digital durchleuchteten Welt bleibt ihr Dasein seltsam plausibel. Zwischen Realität und Einbildung, Leben und Tod, Sichtbarem und Unsichtbarem entfalten sie ihre eigentümliche Macht: jene des Dazwischen. Das Kunstmuseum Basel widmet sich in seiner großen Herbstausstellung „Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur“ diesem flirrenden Zwischenreich – und lädt dazu ein, das Unfassbare mit den Augen der Kunst zu betrachten.

Rachel Whiteread, Poltergeist, 2020, Wellblech, Buche, Kiefer, Eiche,, Haushaltsfarbe und Mischtechnik, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Foto: Robert Bayer, Basel
Über 160 Werke und Objekte aus 250 Jahren erzählen von einer Kulturgeschichte des Spuks, die zugleich von Wissenschaft und Glauben, von Technik und Poesie geprägt ist. Die Schau macht deutlich, wie eng das 19. Jahrhundert – das Zeitalter von Rationalität und Fortschritt – mit dem Glauben an das Übernatürliche verwoben war. Während Dampfmaschinen, Elektrizität und Telegraphen die Welt veränderten, suchten viele nach einer Verbindung zu unsichtbaren Kräften. Spiritistische Zirkel, Séancen und die Erfindung der „Geisterfotografie“ waren Ausdruck dieser Sehnsucht nach Kontakt mit dem Jenseits.
Die Ausstellung führt in diese faszinierende Epoche, in der der Wunsch, das Unsichtbare sichtbar zu machen, auf technische und künstlerische Innovation traf. Röntgenaufnahmen, Fotogramme und frühe Lichtbilder suggerierten die Durchlässigkeit der Welt – und öffneten zugleich Türen zu psychischen Räumen. Figuren wie William H. Mumler oder William Hope fingen „Geister“ auf Glasplatten ein, während Forscher wie der Münchner Baron von Schrenck-Notzing das Paranormale wissenschaftlich erfassen wollten. Ihre Bilder, halb Täuschung, halb Offenbarung, verweisen auf die fragile Grenze zwischen Glauben und Wissen.

Georgiana Houghton, The Spiritual Crown of Annie, Mary Howitt Watts, 1867, Aquarell und Gouache auf, Papier auf Karton aufgezogen, mit Feder und Tinte, Collection of Vivienne, Roberts, London, Courtesy of Vivienne Roberts
Doch „Geister“ ist keine historische Schau im klassischen Sinn. Sie entfaltet ein visuelles Panorama, das sich vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart spannt. Künstlerinnen und Künstler greifen die ikonische Sprache des Spuks immer wieder neu auf – als Metapher für Erinnerung, Verlust, Unbewusstes oder gesellschaftliche Schattenseiten. Die Ausstellung zeigt, wie das Gespenstische zum Spiegel des modernen Menschen wird: der Versuch, das Verdrängte zu benennen, das Unsichtbare zu fassen.
Künstlerische Aufzeichnungen von spiritistischen Medien stehen neben psychologisch inspirierten Arbeiten, Fotografien neben Skulpturen, populäre Bildwelten neben subtilen ästhetischen Experimenten. Die Szenografie – entworfen von please don’t touch (Alicja Jelen und Clemens Müller) – lädt zu einer atmosphärischen Wanderung ein, bei der die Grenzen von Raum und Wahrnehmung verschwimmen. Licht, Schatten, Projektionen: Alles scheint in Bewegung, alles ist nur einen Atemzug entfernt vom Unsichtbaren.
Konzipiert wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Andreas Fischer (IGPP Freiburg) und der britischen Kunsthistorikerin Susan Owens, die Geister einmal treffend als „Schatten der Menschheit“ bezeichnete. Genau diese Schatten verfolgt die Basler Schau – nicht als Grusel, sondern als kulturelles Echo: ein Nachhallen der menschlichen Sehnsucht nach Verbindung über die Grenze des Sichtbaren hinaus.
Denn Geister, so zeigt sich hier, sind keine Spukgestalten aus alten Geschichten, sondern Ausdruck unserer fortwährenden Suche nach Sinn. Sie erinnern uns daran, dass das Unsichtbare nie ganz verschwindet – es verändert nur seine Gestalt. Und manchmal, im flackernden Licht einer Ausstellungshalle, scheint es fast, als würde es uns leise zurückblicken.
20. September 2025 bis 8. März 2026
www.kunstmuseumbasel.ch

William Blair Bruce, Der Geisterjäger, 1888, Öl auf Leinwand, Art Gallery of Hamilton.
Bruce Memorial, 1914















