Wenn im Juli 2026 das Amalienbad seinen 100. Geburtstag feiert, geht es um weit mehr als um ein Hallenbad. Es geht um Körperkultur als gesellschaftliches Versprechen, um Architektur als politische Aussage – und um Wasser als demokratisches Gut. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, die Geschichte des Wiener Bäderwesens in der Ersten Republik neu zu erzählen: sinnlich, sozialgeschichtlich präzise und überraschend aktuell.

Hygiene als Fortschritt, Baden als Recht
Noch um 1900 ist Baden in Wien ein Luxus. Die meisten Wohnungen verfügen weder über Badezimmer noch über Warmwasser. Mit den sogenannten Tröpferlbädern setzt die Stadt erste Gegenakzente: bescheidene Volksbrausebäder, die Sauberkeit für alle ermöglichen sollen. Im Roten Wien werden sie modernisiert, ergänzt durch Gemeinschaftsbäder in den neuen Gemeindebauten. Bis 1932 entstehen 62 solcher Anlagen – ein stilles, aber wirkmächtiges Infrastrukturprogramm.
Parallel dazu öffnen sich die Gewässer der Stadt. Strombäder im Donaukanal, Strand- und Sommerbäder an der Alten Donau, das Gänsehäufel als größtes Freibad des Kontinents: Baden wird zur Freizeit, zur Erholung, zum sozialen Treffpunkt. Zeitungsberichte erzählen von Stenotypistinnen, Monteuren und Lehrlingen, die nach der Arbeit ins Wasser steigen – raus aus der Hitze, hinein ins Gemeinsame.

Amalienbad, 10., Reumannplatz 23 © Wien Museum

Amalienbad, 10., Reumannplatz 23 © Wien Museum

Das Luxusbad der Arbeiterschaft
Krönung dieser Entwicklung ist das Amalienbad in Favoriten. 1923 beschlossen, 1926 eröffnet, wird es zur größten und modernsten Badeanlage Wiens. Benannt nach der Gemeinderätin Amalie Pölzer, steht der Bau selbstbewusst im Arbeiterbezirk – monumental, avantgardistisch, bewusst provokant. Der Kulturpublizist Max Ermers spricht 1926 vom „österreichischen Konstruktivismus“. Die Kritik lässt nicht auf sich warten. Konservative Stimmen monieren Prunk, Kosten und Milieu. Doch genau darin liegt das Programm: Was sonst der Bourgeoisie vorbehalten ist, soll hier allen offenstehen. Die überglaste Schwimmhalle mit versenkbaren Zuschauertribünen, die angeschlossene Heil- und Kurabteilung, die günstigen Preise – das Amalienbad versteht Luxus als öffentliches Gut.

Schwimmen lernen für die Demokratie
Nur Wochen nach der Eröffnung beschließt der Gemeinderat den obligatorischen Schwimmunterricht für die Wiener Schuljugend. Die gesundheitlichen Effekte sind messbar, der symbolische Gehalt kaum zu überschätzen. Das Bad wird zur Schule des Körpers – und zum internationalen Aushängeschild. Bereits 1927 zählt man den millionsten Badegast, wenig später besuchen Delegationen aus Europa und Asien das „Riesenbad“ in Favoriten.

Strandbad Gänsehäufel, 1914 © Wien Museum

Strandbad Gänsehäufel, 1914 © Wien Museum

Vom Volksbad zur Bäderhauptstadt
Die Ausstellung weitet den Blick: vom Theresienbad mit römischer Schwefelquelle über das Dianabad am Donaukanal bis zu den Kinderfreibädern, finanziert aus den berühmten Breitner-Steuern. Für viele Kinder sind sie der schönste Ferienaufenthalt – grün gelegen, kostenlos, pädagogisch gedacht. Der Zweite Weltkrieg hinterlässt auch im Bäderwesen tiefe Spuren. Doch Wien baut wieder auf. Heute zählt die Stadt 38 städtische Badeanstalten mit rund 3,5 Millionen Besucher:innen jährlich. Das Erbe des Roten Wien ist dabei mehr als Geschichte: Es lebt fort in der Idee, dass öffentliche Infrastruktur Lebensqualität schafft.

Ein Jahr voller Spaziergänge
Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm: Führungen durch den Karl-Marx-Hof, thematische Stadtspaziergänge zu Gemeindebauten, Bädern und Erinnerungsorten des Roten Wien – von Favoriten bis Floridsdorf, von Margareten bis zur Donaustadt. Architektur, Politik und Alltagsgeschichte verbinden sich dabei zu einem begehbaren Stadtarchiv.

5. März 2026  bis 5. September 2027
www.dasrotewien-waschsalon.at