Walter Giers zählt zu den einflussreichsten Pionieren der elektronischen Kunst: Das ZKM widmet seinem faszinierenden Werk eine umfassende Retrospektive.

Walter Giers hat ab 1974 den Begriff ‚Electronic Art‘ für seine Arbeiten eingeführt“, erzählt Peter Weibel, künstlerisch-wissenschaftlicher Vorstand des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. „1979 wurde in Linz die Ars Electronica gegründet. Den Begriff erfand Herbert W. Franke. Wir sehen: Walter Giers ist ein absoluter Pionier und entscheidender Wegbereiter der Kunst des 21. Jahrhunderts, der elektronischen Kunst.“ Diesem international einflussreichen Pionier der elektronischen Kunst widmet das ZKM nun eine imponierende Retrospektive: Die Ausstellung „Walter Giers. Electronic Art” zeigt mit mehr als 120 Werken aus dem Nachlass des im Jahr 2016 verstorbenen Künstlers, der Sammlung des ZKM sowie von privaten und institutionellen Leihgebern erstmals einen umfassenden Überblick aller Werkphasen. Dem vorangegangen war eine umfangreiche, sich über mehrere Jahre erstreckende konservatorische Aufarbeitung der Exponate. Giers’ analoge Werke regen heute, an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, in dem computergesteuerte Systeme weitgehend alle Lebensbereiche kontrollieren, auf faszinierende Weise dazu an, hinter die opaken Oberflächen aktueller elektronischer und digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien zu blicken.

Walter Giers, ca. 1970, © Walter Giers Archiv, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

Walter Giers, ca. 1970, © Walter Giers Archiv, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

Der 1937 geborene, in der Tradition der kinetischen Kunst und der Op-Art stehende Künstler, Designer und Jazzmusiker gehört mit seinen elektronischen Licht-Klang-Kunstwerken zu den wichtigsten deVertretern der Medienkunst aus Baden-Württemberg und war zeit seines Lebens auch eng mit dem ZKM verbunden. 1969 begann der in Schwäbisch Gmünd lebende Giers mit dem Bau von ersten zweckfreien Objekten aus elektronischen Bauteilen; durch Anfassen und das Bedienen von Schaltelementen kann der Betrachter in spielerischer Kommunikation dynamische Prozesse in Gang bringen. 1973 gab er die taktilen Komponenten bei seinen Objekten auf und begann, Zufallsgeneratoren zu integrieren: Die Werke entfalten ein Eigenleben, indem sie ImKarlsruhepulse von Licht, Tönen oder Bewegung aus ihrer Umwelt aufnehmen und – gesteuert von Zufallsgeneratoren – in optische oder akustische Formationen umsetzen. Zahlreiche lyrisch-meditative Licht-Klang-Skulpturen sollen Assoziationen bei den Betrachtenden auslösen. Leuchtfeldarbeiten gliedern große Räume, und Geräuschobjekte wirken in teilweise aggressiver Weise mit ihren akustischen Effekten in den Ausstellungsraum hinein. Mit zunehmender Komplexität seiner Arbeiten wurden von Giers überdies auch die offen sichtbaren elektronischen Bauteile, wie Lautsprecher, Schaltknöpfe, Kondensatoren, Widerstände, Relais oder Batterien, deren technische Funktion die Erzeugung und Steuerung von Lichtern und Klängen ist, als formales Gestaltungsmittel verwendet. Er setzte die technischen Mittel gezielt ein, um Emotionen bei den Betrachtenden zu wecken und das Publikum für die wiederkehrenden Themen seiner Arbeit, die Beziehung von Mensch und Natur, die Rolle der Medien in der Gesellschaft oder den Umgang mit Religionen und Minoritäten, zu sensibilisieren. Walter Giers’ Arbeiten verbinden nicht nur einen klar konstruktiven äußeren Aufbau mit einer komplexen Technik, sondern sie treten – und dies ist im ZKM auf wunderbare Weise erfahrbar – über optische oder akustische Reaktionen in einen intensiven Dialog mit ihrem Publikum.
bis 16. April 2023

https://zkm.de