Romane Holderried Kaesdorf (1922–2007) gehört zu den eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Grafik Südwestdeutschlands. Nun widmet ihr das Kunstmuseum Stuttgart erstmals eine große Einzelausstellung, die das Werk einer Künstlerin sichtbar macht, die sich konsequent gegen die dominanten Strömungen ihrer Zeit stellte. Während nach 1945 die Abstraktion zur tonangebenden Sprache der Kunst wurde, blieb Holderried Kaesdorf kompromisslos der Zeichnung verpflichtet. Fast täglich griff sie über fünf Jahrzehnte hinweg zum Stift und entwickelte eine unverwechselbare, von Schärfe wie subtilem Humor geprägte Bildsprache.

Romane Holderried Kaesdorfs Werke wirken wie Versuchsanordnungen des Alltags. Frauen und Männer hantieren mit Stühlen, Schemeln oder Schränken, sie testen Körperhaltungen, erproben Gesten, wirken unbeholfen oder eigensinnig. Diese Szenen, oft lakonisch mit längeren Satzfragmenten betitelt, bewegen sich zwischen Beobachtung, Ironie und absurdem Theater. Titel wie „Vor der Tür kriechend“ (1963) oder „Merkblatt, wie man ein kleines Brett mit einer Hand hält, wie man ein kleines Brett mit 2 Händen hält“ (1990) erweitern die Blätter um eine zusätzliche Bedeutungsebene – präzise, trocken und dabei von feiner Komik getragen.

Romane Holderried Kaesdorf, 1 Frau schiebt den Stuhl, am Rand Turnerinnen,1980, Mischtechnik auf Papier, Kunstmuseum Stuttgart © Nachlass Romane Holderried Kaesdorf / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Romane Holderried Kaesdorf, 1 Frau schiebt den Stuhl, am Rand Turnerinnen, 1980, Mischtechnik auf Papier, Kunstmuseum Stuttgart © Nachlass Romane Holderried Kaesdorf / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Auffällig ist, dass die weiblichen Figuren bei Holderried Kaesdorf stets agiler, selbstbewusster und präsenter erscheinen als die männlichen. Ab Mitte der 1970er-Jahre dominieren Frauen in ihren Zeichnungen vollständig. Ob das „Internationale Jahr der Frau“ 1975, das die UNESCO ausrief, ein Anstoß war, bleibt Spekulation – fest steht, dass die Künstlerin die Rolle der Frau in Kultur und Gesellschaft immer wieder reflektierte, auch wenn sie sich selbst nicht explizit als Feministin verstand.
Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus allen Schaffensphasen: frühe surreal anmutende Szenen, die vielschichtigen Männer- und Frauenbilder der 1960er- und 1970er-Jahre, bis hin zu späten Serien, in denen sie ihre Figuren mit wenigen Strichen zu pointierten Zeichen verdichtete. Ergänzt durch Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen entsteht ein Panorama, das die stilistische Entwicklung dieser außergewöhnlichen Zeichnerin nachvollziehbar macht.
Obwohl Museen schon früh auf Holderried Kaesdorf aufmerksam wurden – die Galerie der Stadt Stuttgart kaufte bereits 1953 Arbeiten an –, blieb die Rezeption ihres Werks vor allem auf Baden-Württemberg beschränkt. Mit Haltung bewahren wird nun ein künstlerisches Œuvre ins Zentrum gerückt, das weit über die Region hinaus Bedeutung hat: Zeichnungen, die in ihrer Klarheit, Eigenständigkeit und stillen Radikalität einen neuen Blick auf die Möglichkeiten des Mediums eröffnen.
27. September 2025 bis 12. April 2026
www.kunstmuseum-stuttgart.de

Romane Holderried Kaesdorf, Allegorische Bildhauerinnen mit Plastik, 1989, Mischtechnik auf Sperrholz, Zweckverband Oberschwäbischem Elektrizitätswerke (OEW) / Landkreis Biberach © Nachlass Romane Holderried Kaesdorf / Foto: Steffen Dietze

Romane Holderried Kaesdorf, Allegorische Bildhauerinnen mit Plastik, 1989, Mischtechnik auf Sperrholz, Zweckverband Oberschwäbischem Elektrizitätswerke (OEW) / Landkreis Biberach © Nachlass Romane Holderried Kaesdorf / Foto: Steffen Dietze