Das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig eröffnet mit der Ausstellung „Weibermacht. Die schöne Böse“ einen faszinierenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Über 70 Werke von der Graphik über Malerei bis hin zu Skulptur beleuchten die Ambivalenz weiblicher Macht vom Mittelalter bis in die heutige Zeit. Historische Kunstwerke illustrieren, wie Frauen als Bedrohung patriarchaler Ordnungen inszeniert wurden: Aristoteles, der sich von Phyllis reiten lässt, oder Herkules, der bei Omphale Spindel statt Keule schwingt, symbolisieren männliche Angst vor weiblicher Selbstermächtigung. Albrecht Dürer, Lucas van Leyden und Lucas Cranach d. Ä. prägten über Jahrhunderte die Bildsprache weiblicher Macht, von der biblischen Eva bis zur listigen Verführerin, deren Darstellung oft mit Furcht und Misstrauen verbunden war.

Diesen historischen Werken werden zeitgenössische Positionen von Künstlerinnen und Künstlern wie Cindy Sherman, Nobuyoshi Araki oder Ute Behrend gegenübergestellt, die klassische Rollenbilder hinterfragen und alternative Perspektiven eröffnen. Sherman zeigt mit ihren „Untitled Film Stills“, wie weibliche Identität konstruiert und medial inszeniert wird, während Tejal Shahs „Women Like Us“ queere, feministische Körperbilder präsentiert, die traditionelle Zuschreibungen radikal aufbrechen. So entsteht ein spannungsvoller Dialog zwischen Kontinuität und Subversion, zwischen alten Mythen und modernen Selbstrepräsentationen. Kuratorin Anna Eunike Kobsdaj betont: „‚Weibermacht. Die schöne Böse‘ beleuchtet ambivalente Bilder von Frauen über die Jahrhunderte – zwischen Faszination, Angst und Macht. Noch immer prägen Rollenbilder gesellschaftliche Erwartungen und Machtstrukturen. Die Ausstellung lädt ein, tradierte Vorstellungen zu hinterfragen und neue Perspektiven kennenzulernen.“

Ute Behrend, Küssendes Paar / Mädchen mit Pistole, 1995, Leihgabe Kunstmuseum Wolfsburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Ute Behrend, Küssendes Paar / Mädchen mit Pistole, 1995, Leihgabe Kunstmuseum Wolfsburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Begleitend bietet das HAUM ein reichhaltiges Programm: Filmvorführungen wie „Widerrechtlich weiblich“ in Kooperation mit dem Braunschweig International Filmfestival zeigen Kurzfilme weiblicher Regisseurinnen über Widerstand und Selbstbestimmung. Podiumsdiskussionen, etwa zum Thema „Weibermacht zwischen Klischee und Realität“, versammeln Frauen aus Handwerk, Sport und Verwaltung, um über Rollenbilder und gelebte Führung zu diskutieren. Workshops, interaktive Formate wie ein feministisches Quiz oder das „Weibermacht-Bingo“ und ein digitales Magazin erweitern die Auseinandersetzung spielerisch und informativ. Dr. Thomas Richter, Direktor des HAUM, fasst zusammen: „Ausstellung, Magazin und Begleitprogramm greifen ineinander, schlagen den Bogen in die Gegenwart und eröffnen neue Perspektiven. ‚Weibermacht‘ ist ein überfälliges ‚HAUM Unleashed‘ – ein Aufbruch, der unsere Besucher*innen inspirieren soll.“
Die Ausstellung macht sichtbar, wie weibliche Macht in Kunst und Gesellschaft über Jahrhunderte konstruiert, gefürchtet und gefeiert wurde – und wie diese Bilder heute neu interpretiert und diskutiert werden können. Ein Muss für alle, die Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Strukturen und als Medium der Emanzipation erleben möchten.
24. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026
www.3landesmuseen-braunschweig.de

Georg Pencz, Aristoteles und Phyllis, um 1545, Herzog Anton Ulrich-Museum, Ann-Katrin Senff


Georg Pencz, Aristoteles und Phyllis, um 1545, Herzog Anton Ulrich-Museum, Ann-Katrin Senff