Das Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden lädt zu einer besonderen Begegnung mit der legendären US-amerikanischen Malerin Helen Frankenthaler ein. Unter dem Titel „Helen Frankenthaler moves Jenny Brosinski, Ina Gerken, Adrian Schiess“ eröffnen die drei zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler einen faszinierenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Ausstellung zeigt dreizehn Werke Frankenthalers aus der Sammlung Reinhard Ernst, darunter sieben bislang nicht gezeigte Arbeiten, die in Beziehung zu neuen Positionen der abstrakten Malerei aus Deutschland und der Schweiz gesetzt werden.

Jenny Brosinski greift Frankenthalers Experimentierfreude und Risikobereitschaft auf. In ihrem Malprozess spielen scheinbare Unfälle und spontane Impulse eine zentrale Rolle. Auf ungrundierter Leinwand entstehen Werke, in denen jeder Pinselstrich sichtbar bleibt, und die Offenheit der Komposition den Geist Frankenthalers atmet. Brosinskis Arbeiten beginnen oft am Boden, werden später aufgerichtet, um das Spielerische mit bewussten Entscheidungen zu verbinden – ein Prozess, der Freiheit und Kontrolle zugleich verlangt.

Jenny Brosinski, What it is (Sunny Side up), 2017/18, Öl, Kohle, Acryl, Stoff auf Leinwand, Foto: Holger Niehaus © VG Bild-Kunst, 2025

Jenny Brosinski, What it is (Sunny Side up), 2017/18, Öl, Kohle, Acryl, Stoff auf Leinwand, Foto: Holger Niehaus © VG Bild-Kunst, 2025

Ina Gerken bewegt sich ähnlich intuitiv durch den Malprozess. Expressiv-malerische Gesten treffen auf fließende Farbe, während die Künstlerin mal an der Wand, mal am Boden arbeitet. Ihre Werke leben von der Widerstandslosigkeit der Farbe, von der Fähigkeit, Kontrolle loszulassen und sich ganz auf den Moment einzulassen. Frankenthalers Leichtigkeit und Prägnanz inspirierten sie dazu, sich der Farbe zu überlassen und das Bild als eigenständige Kraft wirken zu lassen.

Ina Gerken, Scales, 2023, Acryl, Ölkreide auf Leinwand, Foto: A.R. © Courtesy of the artist

Ina Gerken, Scales, 2023, Acryl, Ölkreide auf Leinwand, Foto: A.R. © Courtesy of the artist

Adrian Schiess schließlich erkundet die Entgrenzung der Malerei in Raum und Zeit. Seit den 1980er Jahren experimentiert der Schweizer mit großformatigen Leichtbauplatten, die durch industriell aufgetragene Lackschichten eine spiegelnde Oberfläche erhalten. Seine Arbeiten changieren mit Licht und Bewegung, verändern sich im Blick des Betrachters und verweigern jede feste Perspektive. In Wiesbaden treten diese glatten, reflektierenden Flächen in spannungsvollen Dialog mit Frankenthalers expressiven Farbflächen, die Dynamik und Fluidität in den Raum übertragen.

Adrian Schiess, Ausstellungsansicht, Malerei 1980─2020, Kunstmuseum St. Gallen, 2021, Foto: Stefan Rohner © Kunstmuseum St. Gallen

Adrian Schiess, Ausstellungsansicht, Malerei 1980─2020, Kunstmuseum St. Gallen, 2021, Foto: Stefan Rohner © Kunstmuseum St. Gallen

Zentraler Schauplatz der Ausstellung ist Raum 3, der mit 14 Metern Deckenhöhe höchste Raum des Museums. Hier begegnen sich alle vier Positionen – Frankenthalers Pioniergeist, Brosinskis Offenheit, Gerkens Intuition und Schiess’ raumbezogene Inszenierung – und entfalten ein Zusammenspiel aus Kontrolle, Zufall und fließender Bewegung. Ein weiterer Raum im zweiten Obergeschoss widmet sich Frankenthaler monografisch, sodass ihre Arbeiten sowohl im Dialog als auch in eigenständiger Wahrnehmung wirken.
Die Ausstellung bietet die seltene Gelegenheit, die Wirkung Helen Frankenthalers auf die Gegenwart zu erleben, und gewährt gleichzeitig Einblicke in die weltweit größte private Sammlung ihrer Werke. Sie verbindet Historie, Inspiration und zeitgenössische Positionen zu einem facettenreichen Kunsterlebnis, das die Besucherinnen und Besucher dazu einlädt, Farbe, Raum und Komposition neu zu entdecken.
26. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026
www.museum-re.de