Kaum ein Thema berührt die Kunst so existenziell wie das Ende. Unter diesem Leitmotiv entfaltet das Internationale Musikfest Hamburg 2026 ein Panorama musikalischer Grenzerfahrungen – von Apokalypse und Abschied bis zu spirituellem Trost und kreativen Neuanfängen. Die 45 Veranstaltungen bilden ein vielschichtiges Geflecht aus monumentalen Schlüsselwerken der Musikgeschichte, außergewöhnlichen Projekten und programmatischen Expeditionen in bedrohte Klangwelten.
Bereits der Auftakt setzt einen gewaltigen Akzent: Franz Schmidts Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln, vom NDR Elbphilharmonie Orchester unter Manfred Honeck aufgeführt, zeichnet die biblische Apokalypse in spätromantischen Farben – ein dramaturgischer Auftakt, der das Motto des Festivals unmissverständlich in Töne fasst. In einer anderen Dimension der Endlichkeit bewegt sich Giuseppe Verdis Messa da Requiem, mit der Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle Dresden das Festival beschließen. Zwischen diesen Polen entfaltet sich ein dichtes Netz künstlerischer Perspektiven: Kent Nagano erkundet mit seiner historisch informierten Götterdämmerung den Klang eines untergehenden Zeitalters, während Leonard Bernsteins explosive Mass das Spannungsfeld von Ritus, Protest und gesellschaftlicher Erschütterung zu einem modernen Oratorium verdichtet.

Franui Musicbanda © Julia Stix
Mit Hans Werner Henze und Miles Davis stehen zwei Jahrhundertkünstler im Zentrum, deren Werk jeweils einen radikalen Umgang mit Übergängen zeigt. Henzes Musik, geprägt von politischer Sensibilität und einer Lust am sinnlichen Wohlklang, erscheint in großen sinfonischen Tableaus ebenso wie in kammermusikalischen Preziosen. Miles Davis, der Revolutionär des Jazz, wird anlässlich seines 100. Geburtstags in fünf Konzerten gefeiert – als Architekt des Cool Jazz, Erneuerer der Fusion und unerbittlicher Klangforscher.
Zu den markantesten Programmpunkten gehören Grenzgänge, die das Thema „Ende“ mit überraschender künstlerischer Freiheit ausloten: Das B’Rock Orchestra verwandelt Marco Ferreris Kultfilm Das große Fressen in ein bitterböses musiktheatralisches Bankett; die Musicbanda Franui verschmilzt Mahler mit Zirkuskunst; das Ensemble Resonanz konfrontiert Haydns kontemplative Letzte Worte mit Texten aus Wolfgang Herrndorfs bewegendem Vermächtnis.

Academy of St. Martin in the Fields © Alan Kerr
Mit Lost Music richtet das Festival zudem den Blick auf jene Musiktraditionen, die im Schatten geopolitischer Krisen zu verschwinden drohen. Krimtatarische Melodien, aramäische Gesänge oder die Stimme der afghanischen Hazara werden hier zu klingenden Zeitdokumenten – verletzlich, kostbar und zugleich voller Widerstandskraft.
Wie jedes Jahr öffnet das Musikfest nicht nur internationale Bühnen, sondern auch soziale Räume: Im Community-Projekt Lost and Found entwickeln Hamburgerinnen und Hamburger gemeinsam mit professionellen Künstlerinnen und Künstlern eine poetische Auseinandersetzung mit Verlust und Neubeginn.
So wird das Internationale Musikfest Hamburg 2026 zu einem kulturellen Resonanzraum, in dem das Ende nicht als Schlusspunkt erscheint, sondern als Anfang eines neuen Hörens, Fühlens und Erinnerns. Ein Festival, das die großen Fragen der Gegenwart ernst nimmt – und sie mit der Kraft der Musik erhellt.
1. Mai bis 3. Juni 2026
www.elbphilharmonie.de

Leonida Kavakos © Marco Borggreve















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